Kultur

„Österreich ist mir sehr nahe“

Der slowenische Autor Drago Jančar (72) erhält den „Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur“. Am kommenden Montag wird die Auszeichnung im Beisein des Bundespräsidenten in Salzburg überreicht. Im Interview mit der APA spricht Jančar über seine Literatur, über Kultur und seine Beziehung zu Österreich.

APA: Herr Jančar, Sie bekommen am 3. August den „Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur“. Was verbindet Sie mit Österreich?

Drago Jančar: Österreich ist meine nahe ferne Welt. Ich verbrachte meine Jugend in Maribor, kaum sechzehn Kilometer von der Grenze entfernt, aber in diesen Jahren war es sehr weit weg. Heute ist natürlich alles anders. Ich habe viele Freunde und Bekannte, besonders in literarischen Kreisen in Graz, Salzburg und Wien: Ludwig Hartinger, Karl-Markus Gauß, Lojze Wieser, Markus Jaroschka, Maja Haderlap, Florjan Lipuš, Cornelius Hell und viele andere, ich war auch Alfred Kolleritsch nahe. Wegen ihnen Österreich ist mir sehr nahe, ich scheine es ziemlich gut zu kennen. Im Guten wie im Schlechten.

APA: Gibt es überhaupt so etwas wie „Europäische Literatur“, und was wären ihre Gemeinsamkeiten?

Jančar: Wenn ich ein bisschen scherzte, würde ich sagen: Wenn es Auszeichnungen für europäische Literatur gibt, dann gibt es wahrscheinlich auch europäische Literatur. Aber die Sache ist etwas komplizierter. Früher wurde Literatur in den Dienst nationaler oder sozialer Ideen gestellt, heute möchten einige sie als Begleiter europäischer Offenheit und Demokratie etablieren. Aber da bleibt das Ding stecken. Witold Gombrowicz schrieb im Jahrhundert des großen Aufstiegs der Demokratie: Kunst liebt Majestät, Hierarchie, Feudalismus, Absolutismus, während Demokratie Gleichheit, Toleranz, Offenheit und Brüderlichkeit will. Nach dieser ironischen Definition wäre literarische Kunst ein schlechter Begleiter für jede großartige Idee unserer Zeit. Ich verstehe sie bescheidener. Die Literatur steht am Rande der Gesellschaft und der Geschichte, genau dort, wo es einen fragilen, verletzlichen und vorübergehenden Menschen gibt, der in Missverständnisse mit anderen, mit der Welt und mit sich selbst verwickelt ist. Und durch ihr immer individuelles menschliches Prisma erzählt die literarische Kunst von menschlicher Unsicherheit, Angst und Mut, Adel und Verrat, Freude und Trauer. Sie bietet keine Antworten, sondern stellt Fragen. Ich sehe es in jenen Schriften, in denen eine starke Spannung zwischen Sprache und Geschichte, zwischen Inhalt und Stil hergestellt wird.

APA: Hat Europa eine gemeinsame Erzählung, an der aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben wird?

Jančar: Nun, das könnte eine gute Definition der europäischen Literatur sein. Es ist wahr: Wir haben Zeiten großer Spaltungen und damit auch unterschiedlicher individueller menschlicher Erfahrungen durchgemacht. Wenn wir versuchen, dies aus unserer eigenen Perspektive zu schreiben, schaffen wir eine gemeinsame menschliche, europäische Erzählung. Über Geschichte und Gegenwart.

APA: Angesichts der Corona-Pandemie und des raschen Schließens der Grenzen hatte man zuletzt den starken Eindruck, die Gemeinsamkeiten werden angesichts der höchsten Not rasch wieder aufgegeben – in der Krise ist sich jeder (Staat) selbst der nächste. Ist das der Beginn des Endes der europäischen Einigungsbewegung?

Jančar: Es besteht diese Gefahr, neue Spaltungen sind am Horizont. Aber ich persönlich glaube nicht, dass das passieren wird. Zumindest, wenn ich nicht vergesse, was uns in der Vergangenheit passiert ist, besonders im 20. Jahrhundert. Aus der Katastrophe des Krieges und gewaltsamen ideologischen Spaltungen entstand eine große Hoffnung auf Gemeinschaft und Offenheit. Diese Hoffnung war plötzlich keine Illusion mehr, sondern wurde Realität. Ich glaube nicht, dass die Menschen, wo immer sie in Europa leben, bereit sind, dies aufzugeben.

Das Interview wurde schriftlich geführt. Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang von der Austria Presse Agentur (APA).

APA: Camus’ „Die Pest“ wurde in den vergangenen Monaten ebenso stark nachgefragt wie das „Dekameron“ Boccaccios. Auch Ihr Roman „Der Galeerensträfling“ spielt in der Zeit der Pest…

Jančar: Es war ein ungewöhnlicher Zufall für mich, dass „Der Galeerensträfling“ in der französischen Übersetzung genau in dem Moment erschien, als die Epidemie ausbrach. Seltsame Dinge passieren uns. Den Roman, in dem mein Held Johann Ott vor der Inquisition und der Pest flieht, habe ich geschrieben, als ich noch relativ jung war. Zu dieser Zeit dachte ich, solche Dinge seien nur in Literatur-und Geschichtsbüchern zu Hause. Jetzt alles um uns herum. Nun, selbst dann ging es nicht nur um Geschichte, ich dachte hauptsächlich an den starken Willen des Menschen, selbst unter schwierigsten Umständen zu überleben. Die geistige und körperliche Stärke des Helden in dem Buch triumphiert über inquisitorische Gewalt und widersteht einer abstoßenden Epidemie, einer Seuche, die Europa bis in die Grundfesten erschütterte. Ich wollte keinen historischen Roman schreiben, die Geschichte war nur eine nützliche und malerische Kulisse, um eine Geschichte über die grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz zu schreiben. Ich betrachtete es als eine Art existenzialistisches Schreiben über ein Individuum, das durch eine chaotische und gefährliche Welt fährt, in Stil und Botschaft war es ein zeitgenössischer, kein historischer Roman. Ein gewisser Optimismus bleibt für meinen Helden – und Erzähler – am Ende des Buches: Er wehrt sich mit Kräutern, Knoblauch und Wein gegen die Krankheit. Und der letzte Satz im Buch lautet: Morgen früh bin ich nüchtern, und dieser verfluchte Traum ist weg.

Drago Jančar
AP/CTK/Vit Simanek

APA: Ihr letzter Roman „Wenn die Liebe ruht“ zeigt Menschen, die unter den Verheerungen von Politik und Kritik leiden. Haben Sie Hoffnung auf einen Wandel zum Positiven? Immerhin wurden ja in den vergangenen Monaten enorme gesellschaftliche und politische Anstrengungen unternommen, um Schwache und Verletzliche (die sogenannten „Risikogruppen“) zu schützen!

Jančar: Sie haben recht. Es scheint mir, dass wir der neuen Krise mit etwas mehr Solidarität begegnet sind als die Krise unserer Vergangenheit. Wenn ich nur daran denke, wie in der jüngsten europäischen Vergangenheit Menschen mit Machtwillen die Schwachen und Verletzlichen behandelt haben, dann haben wir doch etwas aus der Geschichte gelernt. Ich hoffe es wirklich, ich glaube es tatsächlich.

APA: In der Coronakrise zählen auch die Künstler und Kulturschaffenden zu den Schwachen und Verletzlichen. In Österreich hat es lange gedauert, bis staatliche Hilfen angelaufen sind. Wie war das in Slowenien? Wie sehr sind Sie und Ihre Kollegen getroffen worden, wie sehr leidet die slowenische Literatur- und Verlagsszene darunter?

Jančar: Für Menschen, die in mit staatlichen Geldern unterstützten Institutionen arbeiten, in Theatern, Museen und Galerien, funktioniert es immer noch. Bei sogenannten freiberuflichen Künstlern ist es schwieriger. Soweit ich weiß, hat der slowenische Staat diese im Rahmen von Anti-Corona-Maßnahmen zweieinhalb Monate lang mit jeweils 1.750 Euro finanziell unterstützt. Nicht alle waren damit zufrieden, manche protestierten sogar. Die Verlage berichten überraschend, dass sie während der Coronakrise mehr verkauft haben als zuvor. Einige Verlage reagierten schnell, indem sie einige Klassiker wie Camus’ „Die Pest“ druckten. Bisher läuft es irgendwie, aber die Frage ist, wie es sein wird, wenn die Krise noch lange andauert.

APA: Sie werden Ihren Preis in Salzburg entgegennehmen, während der Salzburger Festspiele, die für Konzerte, Oper, aber auch für ihre Schauspiel-Aufführungen berühmt sind. Wie ist Ihre Beziehung zum Theater?

Jančar: Ich habe den Kontakt zum Theater etwas verloren. Der Trend im slowenischen Theater, in dem Texte drastisch gekürzt oder sogar umgeschrieben werden, hat auch eines meiner Stücke getroffen. Das würde mich nicht glücklich machen. Die letzte szenische Lesung meines Romans „Die Nacht, als ich sie sah“ wurde vom Wiener Burgtheater ausgerichtet. Mein Stück „La grande valse brillante“ wurde zuletzt in Frankreich aufgeführt. Ich erinnere mich an eine interessante Aufführung meines Stücks „Hallstatt“ im Wiener Theater-Brett. Es wurde auch in zwei slowenischen Theatern gespielt, in Sofia, in Italien in Veroli und Triest. In Österreich hatte ich auch zwei Produktionen meines Kammerspiels „Godot auf der Spur.“ Ich würde mich freuen, wenn sich wieder jemand in Österreich dafür interessieren würde, eines meiner Stücke aufzuführen.

APA: Einen Tag vor Ihrer Preis-Übergabe wird in Salzburg das neue Stück von Peter Handke, „Zdenek Adamec“, uraufgeführt. Was ist Ihre Haltung zu ihm und seinem Werk? Werden Sie einander sehen – oder einander bewusst aus dem Weg gehen?

Jančar: Obwohl Peter Handke oft in Slowenien war, besonders im Karst, haben wir uns nur einmal getroffen – in Paris. Wir haben auf dem Place de Trocadero ein paar Gläser Wein getrunken, das Gespräch war interessant und herzlich. Ich schätze seine Literatur, seine Prosa „Wunschloses Unglück“ hat mein Herz berührt, ich habe einen Essay über den Roman „Die Wiederholung“ geschrieben. Handke ist sicherlich einer der originellsten und ungewöhnlichsten Schriftsteller der zeitgenössischen europäischen Literatur. Aber seine „serbische Odyssee“ war ein Fehler, ich habe auch darüber geschrieben. Ich werde das Stück „Zdenek Adamec“ sehen, ich freue mich darauf.

APA: Woran arbeiten Sie gerade? Wann wird ein nächstes Buch auch auf Deutsch erscheinen?

Jančar: Ich schreibe ein neues Buch, aber ich bin abergläubisch und rede nie darüber. Wenn ich Freunden begeistert erklärte, was ich schreiben wollte, ging es immer schief. Also bin ich lieber ruhig. Ich hoffe, das Buch wird nächstes Jahr in slowenischer Sprache und dann im Zsolnay Verlag in Wien veröffentlicht. Das haben wir mit dem Verleger Herbert Ohrlinger bereits vereinbart.