Internationaler Tag der Sinti und Roma: Angehörige der Minderheit feiern in Berlin
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Online-Archiv der Sinti und Roma

„Wir wollen aus der Opferrolle heraus“

Etwa zwölf Millionen Sinti und Roma leben in Europa – seit einem Jahr macht ein digitales Archiv den kulturellen Reichtum der Minderheit sichtbar. Und es wird rege genutzt.

Etwa 500.000 Sinti und Roma sind Schätzungen zufolge in den Konzentrations- und Vernichtungslagern oder durch SS-Einsatzgruppen im besetzten Europa ermordet worden. Erst 1982 hat die Bundesregierung den Völkermord an der größten europäischen Minderheit offiziell anerkannt. Noch länger dauerte es, bis der Beitrag zur europäischen Kultur angemessen gewürdigt wurde, den Sinti und Roma in ihren jeweiligen Heimatländern geleistet haben.

Romani Rose: Nationalsozialisten wollten auch Kultur vernichten
Christoph Schmidt/dpa
Romani Rose: Nationalsozialisten wollten auch Kultur vernichten.

„Es ist unsere Kultur“

„Der Nationalsozialismus hat ja nicht nur die Minderheit vernichten wollen, sondern auch ihre Kultur und ihre Identität“, sagt Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, im Gespräch mit heute.de.

Internationaler Tag der Sinti und Roma: Angehörige der Minderheit feiern in Berlin
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Internationaler Tag der Sinti und Roma: Angehörige der Minderheit feiern in Berlin.

„Nach dem Krieg hatten wir nicht die Möglichkeit, unsere Erfahrungen in die Gesellschaft hineinzutragen und eine kulturelle Identität nach außen zu repräsentieren. Die war überlagert von all den Klischees, die die Nationalsozialisten zur Rechtfertigung ihrer Verfolgungsgeschichte angehäuft hatten.“ Der Nationalsozialismus hat ja nicht nur die Minderheit vernichten wollen, sondern auch ihre Kultur und ihre Identität, sagt Romani Rose, Zentralrats-Vorsitzender.

Seit einem Jahr macht das RomArchive den kulturellen Reichtum der Sinti und Roma sichtbar. „Es ist unsere Kultur“, heißt es auf der Startseite des digitalen Archivs, das mit rund 5.000 Objekten aus allen Sparten der Kunst aufwartet. Es geht darum, der jahrhundertelangen kulturellen Fremdbestimmung entgegenzutreten: „Denn nicht Roma und Sinti bestimmen ihr Bild in der Öffentlichkeit, sondern in den Mehrheitsbevölkerungen herrschende Klischees, Zuschreibungen und Fremdbilder – seit jeher geprägt von einem Mischverhältnis aus Faszination und Verachtung“, heißt es weiter. „Positive Gegenbilder oder Aufklärung über Kulturen und tatsächliche gesellschaftliche Realitäten von Sinti und Roma gibt es kaum.“

Isabel Raabe
Christian Ditsch/version-foto.de
Isabel Raabe

Geschichten gegen Vorurteile

Diesen Missstand versucht das RomArchive, nachhaltig zu beheben. Die bislang in der Datenbank gesammelten Objekte werden von Kulturschaffenden aus den Sinti- und Roma-Communities in ganz Europa in neun Bereichen – darunter Bildende Kunst, Film, Literatur, Tanz und Theater – zu einzelnen Online-Ausstellungen kuratiert. Außerdem sind die Stimmen von Holocaust-Überlebenden zu hören, und es wird die Geschichte der Bügerrechtsbewegungen dokumentiert. So entstehen Gegengeschichten, die in drei Sprachen übersetzt sind: Englisch, Deutsch und Romanes.

Das Archiv wird inzwischen in und außerhalb der Minderheit rege genutzt. Das zeigt nicht nur die schnell wachsende Facebook-Community. „Vom ersten Tag an gab es zahlreiche Angebote an uns, private Nachlässe oder Sammlungen zu übernehmen“, sagt Isabel Raabe. „Die Angebote kamen aus der ganzen Welt, zum Beispiel von einer Holocaust-Überlebenden aus Brasilien, die noch einen Koffer mit Pässen und Ausweisen besaß, den sie uns überlassen hat. Wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass dieses Vertrauen erst langsam entsteht.“

Roma Archive ausgezeichnet

Ende Oktober 2019 nahmen Romani Rose und Isabel Raabe in Paris aus den Händen von Placido Domingo den mit 10.000 Euro dotierten Großen Preis der Jury des European Heritage Awards entgegen. In der Begründung der Jury heißt es: „Dieses Archiv ist besonders innovativ, da es sich auf die Selbstdarstellungen von Roma-Identitäten fokussiert, sowohl materielle als auch immaterielle Aspekte dieses Erbes zum Ausdruck bringt und sich von den stereotypen Wahrnehmungen von Roma entfernt.“