Reina Sofia würdigt Ceija Stojka

In Madrid widmet das Reina-Sofia-Museum der österreichischen Künstlerin Ceija Stojka eine Einzelausstellung. Ihre Werke dokumentieren die Verfolgung der Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs. Die Malerin und Autorin hat mehrere Nazi-Konzentrationslager überlebt.

Die Einzelausstellung kommt einer Aufnahme in den Kreis der wichtigsten Maler/innen des 20. Jahrhunderts gleich. Die künstlerische Anerkennung für die 2013 verstorbene Ceija Stojka kommt ebenso spät, wie ihre Karriere begann.

Mit ihren Werken hat Ceija Stojka in den 1990er Jahren entscheidend dazu beigetragen, den Holocaust an Roma und Sinti zu thematisieren. Zuerst wurden ihre aus einer Zettelsammlung redigierten Erinnerungen als Buch publiziert. Stojka wurde zur Holocaust-Aktivistin, die in Vorträgen und an Schulen den Weg ihrer Familie in die Vernichtungslager nachzeichnete. Dann widmete sie sich ähnlich virtuos der Malerei und hat in Bleistiftzeichnungen oder Gemälden die Schrecken der Konzentrationslager dargestellt. Am intensivsten vermittelte sie das Erlebte aber im Gespräch, das an die Tradition und Erzählkultur der Roma anknüpft.

Zwischen den Toten war das einzige Platzl, wo Ruhe war

Ohne Stojkas literarische Arbeiten, die erst nach 35-jährigem Schweigen aus eigenem Antrieb und ohne Publikationsabsicht entstanden, wäre die Verfolgung der Roma während des Zweiten Weltkriegs in Österreich in Vergessenheit geraten. Die Autodidaktin, die sich das Schreiben selbst beibrachte, hat erst im Alter von 50 Jahren ihre Erlebnisse niedergeschrieben. Meist in der Küche, während sie für den Ehemann und die drei Kinder kochte.

Geboren wurde Cejia Stojka 1933 in eine Händlerfamilie, die ohne festen Wohnsitz mit einem Pferde-Wohnwagen durch Österreich zog. Als Achtjährige erlebte Ceija, wie der Vater festgenommen und ins KZ Dachau gebracht wurde. Er überlebte das Lager, wie die meisten Mitglieder der Familie, nicht.

Dass Ceija überlebt hat, ist das erste Wunder …

Die Kuratorin der Ausstellung im Reina Sofia ist Paula Aisemberg: „90 Prozent der Roma in Österreich sind verschwunden. Dass Ceija überlebt hat, ist das erste Wunder. Das zweite Wunder ist die Anerkennung für ihre Kunst. Ihre Arbeiten wurden bis zu ihrem Tod nur von einigen wenigen Sammlern und Freunden in Wien beachtet. Jetzt werden sie in einem der wichtigsten Museen moderner Kunst gezeigt, neben den Werken der bekanntesten Künstler dieses Jahrhunderts.“

Bilder aus der Perspektive eines Kindes

Das Reina Sofia zeigt 150 Arbeiten Stojkas, in zwei großen Abschnitten: Kindheitserinnerungen aus der Zeit, als sie mit der Familie im Pferdewagen durch Österreich reiste. Naive Kunst, die Landschaften und das familiäre Idyll darstellt. Ganz anders der Abschnitt der Lagerbilder: Schwarz-weiß und in verzerrter Perspektive werden die Gräuel der KZs präsentiert.

Der Direktor des Reina Sofia spricht von Bildern, die einen unvergleichbaren Blick auf Europas jüngere Geschichte erlauben. Manuel Broja-Villel: „Es sind Bilder aus der Perspektive eines Kindes, das in Wirklichkeit eine erwachsene Frau ist, die sich an ihr Leben in einem Konzentrationslager erinnert. Aus dem Blickwinkel des kleinen Mädchens werden die Stiefel der Soldaten riesig groß und die Hunde zur Bedrohung. Stojka versucht, jene Bilder wieder abzurufen, die sie über Jahre verdrängt hatte. Die Geschichte dieser Person kann sicherlich nur durch die Kunst dargestellt werden, die imstande ist, die Spannung der Vergangenheit aufleben zu lassen und die Erfahrungen der Künstlerin dem Betrachter direkt vermittelt.“

Eine von Angehörigen und Freunden gegründete Stiftung bemüht sich, das Werk der 2013 verstorbenen Romni bekannt zu machen. Rund 1.000 Bilder hat sie gemalt, zehn davon befinden sich im Besitz des Wien Museums. In der Folge der Ausstellung im Reina Sofia, die noch bis zum 23. März 2020 zu sehen ist, interessiert sich ein Wiener Museum für die Abhaltung der ersten umfassenden Stojka-Schau in Österreich.