On demand | Roma sam | 25.11.2019
Roma sam
25.11.2019 | um 20:50 Uhr | Radio Burgenland livestream
Es trat Stille ein. Nicht vernichtende, sondern besänftigende, eine, die in der Seele Ruhe finden lässt. Keine grunzenden Laute der Tiergeschöpfe mehr, die an Trennung vom Leben, Unfreiheit und Uniformität der vergangenen Zeit erinnern würden.
Es mussten mehr als 20 Jahre vergehen, damit die entehrende Situation endlich ihr Ende finden könnte. Mit ihr beschäftigte sich schon sowohl die UNO, als auch das Europäische Parlament.

Das Lager in Lety wurde das erste Mal im August 1940 in Betrieb genommen, und zwar als disziplinarisches Arbeitslager. Zwei Jahre später verwandelte es sich zu einem Sammellager. Bis Mai 1943 wurde die Freiheit der 1308 tschechischen Roma beraubt und das Leben 327 von ihnen. Das letzte, was viele von dort kommenden sahen, war die Aufschrift über dem Eingangstor des KZ Auschwitz.
Mitte Oktober fand die Abschlusskonferenz des Forschungsprojekts, ein Bestandteil des europäischen Projekts im Rahmen des Programms „Hera | Humanities and European Research Area“ ist, im Wiener Wiesenthal Institut statt. Es bezieht sich auf die interdisziplinäre Forschung der Lager. Europa als Landschaft der Lager der 20. Jahrhunderts, von Gefangenen-, über Zwangsarbeitenrlager, Konzentrationslager bis hin zu Vernichtungslager. Seine Forschungserkenntnisse präsentierte hier auch Pavel Vařeka: „Wir hatten die Ehre, die Ergebnisse den Verwandten der Opfer zu präsentieren. Wir haben Vertreter/innen der Familien eingeladen, die dort ihre Nahestehenden verloren haben und das war einer der Gründe der Forschung, weil die Menschen viele Jahrzehnte nicht wussten, wo ihre Nahestehenden bestattet wurden. Nach 80 Jahren, wissen sie, wohin sie Blumen legen können.“

90 Prozent der Angehörigen der Vorkriegs-Roma-Kommunitäten im Böhmen und Mähren überlebte den Holocaust nicht.
Unerzählte Geschichten traten ans Tageslicht
Die historischen Quellen ermöglichten keine genaue Lokalisierung und deswegen wurde die archäologische Forschung eingeleitet, die Ende August und im September dieses Jahres verlief. Dank der Forschung tauchten die Geschichten ans Tageslicht, die beinahe unerzählt geblieben sind.

Neuerliche Ergebnisse des archäologischen Teams der Westböhmischen Universität in Pilsen, unter der Leitung von Pavel Vařeka bestätigten, dass der größere Teil des früheren Roma-KZ in Lety im Südböhmen sich seit den 1970er Jahren auf dem Grundstück eines Großmaststalls für Schweine befand, den der tschechische Staat im letzten Jahr abkaufte und in die Verwaltung des Museums der Roma-Kultur in Brünn übergab.

Jede Schicht eine andere Geschichte
Das Lager in Lety ist ein abgelegener Ort beim Wald, von wo man die nächstliegende Gemeinde erst in ein paar Kilometer erreicht. Ein Teil der Forschung verlief schon im Jahre 2017 außerhalb des Schweinestalls auf der Nachbarwiese. Das Lager ging zum Schluss wegen eines vertuschten Brandes unter, als eine Epidemie ausbrach. In zwei Transporten wurden die Gefangenen dann noch weiter nach Auschwitz-Birkenau geschickt. Aus diesem Grund sind viele der Überreste im zu Kohle gewordenen Zustand, Teile der Kleidung, winzige Schmuckstücke, oder persönliche Sachen.
Die neue geplante Gedenkstätte in Lety wird also einzelne historische Epochen verknüpfen.


Lety als Symol eines neuen Beginns
Das ehemalige Konzentrationslager in Lety ist heute ein Symbol des neuen Beginns, der Hoffnung darstellen kann im Sinne der festeren Annäherung zwischen der tschechischen mehrheitsgesellschaftlichen- und der Roma-Kultur. „Darin sehe ich den Sinn der archäologischen Forschung, die greifbare Beweise gebracht hat. Sie ist eigentlich die einzige Waffe gegen Verleugnung, Verschweigung der Vergangenheit, aber auch gegen verschiedene Vermutungen und Unklarheiten“, fügt Vařeka am Ende des Interviews hinzu.

Neue Holocaust-Gedenkstätte für Sinti und Roma in Lety
Mitte Oktober wurde ein internationaler öffentlicher Architekturwettbewerb für die neue Holocaust-Gedenkstätte für Roma und Sinti in Lety ausgeschrieben und sollte am Ort des ehemaligen Schweinestalles bis 2023 erbaut werden.
Nach den Worten des Archäologen Pavel Vařekas wird es um ein Dreieck gehen, das die schon existierende Gedenkstätte für Opfer aus dem 1995 und die ganz neue Gedenkstätte und ein Besucherinformationszentrum verbinden wird. Der bis heute viele Fragen auslösende Ort, der vor 80 Jahren Wege vieler tschechischen Familien zerstörte, verwandelt sich in einen Gedenkort mit pulsierendem Leben. Seine dunkle Vergangenheit mit verdrängter und vergessener Angst wird nicht mehr in einer Ecke knien, sondern wird sich zu Wort melden und seine Zeugenaussagen den nächsten Generationen übergeben: Dass es hier Leben gab, das aber zu früh und unmenschlich enden musste.

Das gesamte Interview von Pavla Rašnerová mit dem Archäologen Pavel Vařeka hören sie in der aktuellen Sendung Roma sam mit Susanne Horvath.