Romafamilie im Burgenland
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ROMA SAM

Historiker Brettl | 75 Jahre Republik und Roma

Der Historiker Herbert Brettl sprach im Interview über sein neues Buch, das die Geschichte der Roma Siedlungen im Burgenland aufarbeitet und dokumentiert, sowie über die Situation jener Roma, die die Schrecken des Nationalsozialismus überlebten und zurückkamen.

On demand | Roma sam | 15.6.2020

Herbert Brettl befasst sicht schon seit vielen Jahren mit der Volksgruppe der Roma. Durch seine Arbeit trug er viel dazu bei, dass Lücken geschlossen und vergessene Geschichte rekonstruiert werden konnte. Gemeinsam mit dem Historiker Gerhard Baumgartner schrieb der das Buch „Einfach weg!: Verschwundene Roma Siedlungen im Burgenland.“, das voraussichtlich Ende Juni diesen Jahres im Verlag new academic press erscheinen wird. Die Idee zum Buch entstand, weil man eine Grundlage für das Gedenken schaffen wollte. Immer mehr Orte im Burgenland entschließen sich dazu sich ihrer Geschichte und deren Schattenseiten bewusst zu werden und den Opfern der NS-Zeit, die lange vergessen wurden, ein Denkmal zu setzen.

Herbert Brettl
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Herbert Brettl

Die beiden Historiker haben ein beachtliches Material an Quellen zusammengetragen und in den Dörfern Feldforschung betrieben. Einige Dokumente konnten auch im Privatbesitz mancher Einwohner gefunden werden. Man wollte sich nicht erinnern, gehörten doch einige Vorfahren auch zu den Tätern und jenen die eine Mitschuld an der Vertreibung und Ermordung der Roma während der NS-Zeit trugen. Heute übernimmt man Verantwortung und versucht die Geschichte aufzuarbeiten, so Brettl.

Die meisten Roma wurden aus den Dörfern in das sogenannte „Zigeunerlager Lackenbach“ gebracht. Dieses Lager war das größte seiner Art in Österreich. Von Lackenbach aus wurden tausende Roma in verschiedene Konzentrationslager deportiert und fanden dort einen grausamen Tod. Herbert Brettl konnte zur Entstehungsgeschichte des Lagers in Lackenbach neue Erkenntnisse gewinnen. Genauer gesagt zu jener Person, die für die Entstehung verantwortlich war: Bernhard Wilhelm Neureiter.

Zwischen 800 und 1000 Roma kehrten nach Ende des Krieges und ihrer Befreiung aus den Konzentrationslagern in ihre Heimat zurück. Hier gilt es drei Gruppen zu unterscheiden, so Brettl: Die Lackenbach Überlebenden, jene Roma die nach Ungarn geflohen sind und die Überlebenden der Konzentrationslager – diese kehrten als letzte, erst Ende 1945 in ihre Heimatgemeinden zurück. Die Überlebenden mussten sich in ihren Heimatgemeinden melden, um wieder ihre Papiere zu erhalten. Ihr Besitz beschränkte sich auf die Kleidung, die sie am Leib trugen. Alles, was sie vor dem Krieg besessen hatten wurde zerstört oder veräußert. Auf die Unterstützung der Gemeinden hofften viele vergeblich.

Gedenktafeln im Dorfmuseum Mönchhof
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Gedenktafeln für Roma, Dorfmuseum Mönchhof

Viele Roma blieben nach dem Krieg nicht in ihren Heimatgemeinden, da sie weder Hilfe von Seiten der Behörden erhielten noch ihren Besitz zurückbekamen. Auch die Diskriminierung und Ausgrenzung schien vielerorts unterverändert zu sein. Dies lag vor allem daran, dass die antiromaistische Haltung schon vor Ausbruch der Machtübernahme der Nationalsozialisten in den Köpfen der Menschen vorhanden war. So entschlossen sich die meisten dazu ihr Glück in Wien und anderen Städten zu versuchen.

Aufgrund der Coronakrise konnte das Buch bislang nicht fertiggestellt werden, nun können die beiden Historiker Herbert Brettl und Gerhard Baumgartner die Arbeit wieder aufnehmen und die fehlenden Teile ergänzen. Ab September sollen die Lesungen in allen Bezirken des Burgenlandes starten.