Ein Junge auf seinem Fahrad in einer Straße in der afghanischen Stadt Kandahar. (10.1.2022)
JAVED TANVEER / AFP / picturedesk.com
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Vereinte Nationen

Größter humanitärer Spendenaufruf für AfghanInnen

Die UN-Hilfe für Afghanistan und Nachbarländer mit afghanischen Flüchtlingen kostet heuer mindestens 4,5 Milliarden Euro. Das sei der größte humanitäre Spendenaufruf, den die Vereinten Nationen je für ein Land verfasst hätten.

Dies teilte das UN-Nothilfebüro (OCHA) heute in Genf mit. So viel Geld brauchen die Vereinten Nationen, um über 27 Millionen Menschen zu helfen. „Es zeichnet sich eine riesige humanitäre Katastrophe ab“, so UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths.

4,7 Mio. Menschen von schwerer Unterernährung betroffen

Nach UN-Angaben dürften in diesem Jahr 4,7 Millionen Menschen in Afghanistan an schwerer Unterernährung leiden, davon 3,9 Millionen Kinder. 131.000 Kindern drohe ohne zusätzliche Hilfe der Hungertod, „weil die grundlegendsten Gesundheitsdienste zusammengebrochen sind“, so OCHA. Solche Spendenaufrufe richten sich in erster Linie an Regierungen und Stiftungen.

Hilfen nach Machtübernahmer der Taliban eingestellt

Die Wirtschaft Afghanistans ist nach dem chaotischen Abzug der USA und ihrer Verbündeten und der Machtübernahme durch die militant-islamistischen Taliban im August 2021 eingebrochen. Ausländische Geldgeber stellten Hilfen in Milliardenhöhe ein. Die alte Regierung hatte davor jährlich rund 8,5 Milliarden US-Dollar (rund 7,5 Milliarden Euro) an militärischer und ziviler Hilfe erhalten. Mit diesen Geldern wurden rund 75 Prozent der Staatsausgaben finanziert, darunter etwa das Gesundheits- und Bildungssystem. Viele Geber befinden sich nun in einem Dilemma. Sie wollen den Taliban nicht helfen, ihr Regime – das Frauen unterdrückt, Menschenrechte missachtet und andere politische Kräfte ausschließt – zu stabilisieren. Die Einstellung der Hilfen und Sanktionen treffen Beobachtern zufolge aber vor allem die Bevölkerung.

Hilfe für Menschen in Afghanistan und Geflüchtete

Für humanitäre Hilfe im Land selbst benötigen die Vereinten Nationen gut 4,4 Milliarden Dollar (rund 3,9 Mrd Euro). Damit sollen 22 Millionen Menschen unterstützt werden. Es geht um Nahrungsmittelhilfe, Unterstützung von Bauern, Gesundheitsdienste, Notunterkünfte, Versorgung mit sauberem Wasser und Schulen. Zudem sollen 5,7 Millionen Afghaninnen und Afghanen sowie ihre Gastgeber in fünf Nachbarländern unterstützt werden. Dazu gehören der Iran und Pakistan. Dafür sind 623 Millionen Dollar nötig (550 Mio Euro).

Schwierigkeiten bei der Umsetzung von UN-Hilfen

Da kein Geld direkt an die Taliban gehen soll, kommen Hilfsorganisationen eine immer wichtigere Rolle zu. Der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC) warnte heute vor Schwierigkeiten bei der Umsetzung von UN-Hilfen. Geld bereitzustellen helfe wenig, wenn „die Außenwelt und die Taliban-Regierung nicht schnell daran arbeiten sicherzustellen, dass Bargeld im Land verfügbar ist“, sagte NRC-Chef Jan Egeland.

Schwierigkeiten, Geld nach Afghanistan zu bringen

Hilfsorganisationen haben massive Schwierigkeiten, Geld nach Afghanistan zu bringen. Mit der Taliban-Machtübernahme wurden internationale Überweisungen in das Land über das Swift-System ausgesetzt. Auch im Ausland geparkte Reserven der afghanischen Zentralbank in Milliardenhöhe wurden eingefroren und somit regelmäßige Bargeldlieferungen in das Land eingestellt. Bargeldbehebungen wurden in der Folge massiv eingeschränkt. Ende Dezember beschlossen die UN und die USA angesichts der sich zuspitzenden humanitären Krise Ausnahmen vom Sanktionsregime.

Kein normaler Transfer des Geldes

Vom NRC hieß es, man könne derzeit weiter keinen normalen Transfer des Geldes in das Land veranlassen. Die jüngste Überweisung über das Hawala-System sei gestoppt worden, da eine Untersuchung wegen „Terrorismusrisikos“ anhängig sei. Bei diesem Hawala-System werden Kreditinstitute umgangen, indem einem Händler in einem Land Bargeld übergeben wird, das ein anderer Händler dann in Afghanistan auszahlt. Die UN hätten nun einen Einmaltransfer über sie in Aussicht gestellt, so das NCR. Die Suche nach einer sicheren, dauerhaften Lösung dauere an.

Bisheriger Spendenaufrufe für Afghanistan erfolgreich

Die Spendenaufrufe für Afghanistan gehörten 2021 zu den erfolgreichsten im UN-System. Der ursprüngliche errechnete Bedarf in Höhe von knapp 870 Millionen Dollar wurde zu rund 88 Prozent gedeckt. Ein zusätzlicher Spendenaufruf für Nothilfe in Höhe von 606,3 Millionen Dollar wurde sogar deutlich übertroffen, mit insgesamt 823 Millionen Dollar. Dagegen ging bei einigen UN-Spendenaufrufen für Burundi und die Demokratische Republik Kongo weniger als zehn Prozent der nötigen Summe ein. Weltweit stellen die UN sich in diesem Jahr auf 274 Millionen Bedürftige ein, nach 250 Millionen 2021.