Marko Feingold (15.3.2018)
JOE KLAMAR / AFP / picturedesk.com
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ab 1.10.2021

„Ein jüdisches Leben“

Er hat seine Familie durch die Nazigräuel verloren, selbst vier Konzentrationslager überlebt und später jahrelang Vorträge über seine Erlebnisse gehalten: Nun ist der 2019 106-jährig verstorbene Zeitzeuge Marko Feingold noch einmal als Kämpfer gegen das Vergessen und Mahner vor dem Wiedererstarken antidemokratischer Strömungen zu sehen.

In dem Dokumentarfilm „Ein jüdisches Leben“ erzählt er seine Geschichte – und schweigt dann, wenn Worte nicht ausreichen. Ab Freitag, 1.10.2021 im Kino.

Unübersehbare Spuren

Feingold – geboren 1913 in Besztercebánya in der heutigen Slowakei und aufgewachsen in der Wiener Leopoldstadt – ist 105 Jahre alt, als ihn die Regisseure Christian Krönes, Florian Weigensamer, Christian Kermer und Roland Schrotthofer interviewen. Sie selbst bleiben stumm, ihre Fragen sind nicht zu hören. Zu Wort kommt lediglich ihr Gesprächspartner. Feingold sitzt auf einem Stuhl und spricht vor schwarzem Hintergrund direkt zum Zuschauer. Die Kamera ist sehr nahe an ihm dran, zeigt uns – meist in frontalen Close-ups, dazwischen im Profil – ein Gesicht, in dem ein mehr als 100-jähriges Leben seine unübersehbaren Spuren hinterlassen hat.

Plakat zum Film „Ein jüdisches Leben“ über Marko Feingold – Produziert von Blackbox Film & Medienproduktion GmbH / Christian Krönes, Susanne Krönes, Florian Weigensamer
Blackbox Film & Medienproduktion GmbH

„Ein jüdisches Leben“

ab 1.10.2021 im Kino

Dokumentarfilm (A 2021) von Christian Krönes, Florian Weigensamer, Roland Schrotthofer, Christian Kermer, produziert von Blackbox Film & Medienproduktion GmbH

„In meinem Leben schon viele Male gestorben“

„Ich bin heute 105 Jahre alt und immer noch am Leben, obwohl ich in meinem Leben schon viele Male gestorben bin“, sagt er zu Beginn des knapp zweistündigen Streifens. Schon der Beginn dieses Lebens ist angesichts der Nöte des Ersten Weltkriegs nicht einfach. Eine seiner ersten Kindheitserinnerung sei die an den Hunger, sagt Feingold – eine von vielen Qualen, die ihn drei Jahrzehnte später im Konzentrationslager wieder ereilen sollte.

Filmisches Oral-History-Konzept

Das schlichte Setting, die intimen Nahaufnahmen, die Schwarz-Weiß-Ästhetik, der unkommentierte Monolog – mit diesem filmischen Oral-History-Konzept hat das Regieteam des Wiener blackbox-Kollektivs bereits den ersten Teil seiner auf mehrere Teile angelegten Zeitzeugenreihe inszeniert: Für „Ein deutsches Leben“ (2017), das auch ins Rennen um die Doku-Oscars geschickt wurde, holten sie die einstige und inzwischen ebenfalls verstorbene Sekretärin von Joseph Goebbels, Brunhilde Pomsel, vor die Linse und gewährten auf diese Weise einen befremdlichen Einblick in die Seele einer betont unpolitischen Mitläuferin.

Perspektivenwechsel um 180 Grad

Mit dem Nachfolgeprojekt ändert sich die Perspektive um 180 Grad. Feingold, ein lebenslustiger junger Mann, den nach eigenem Bekunden der Tanz und das „Sexvergnügen“ mehr interessierten als die Schule und der trotz seiner traditionellen jüdischen Erziehung die Burenwurst der koscheren Kost vorzog, kam 1938 als erfolgreicher Handelsreisender aus Italien zur Erledigung bürokratischer Notwendigkeiten zurück nach Wien und erfuhr das spätestens mit dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland von den Nationalsozialisten entfesselte Grauen hautnah. „Die Menschen sind innerhalb von zwei, drei Stunden andere geworden“, meint er.

Variationen der Unmenschlichkeit

Nach der Flucht aus Wien wurde er schließlich 1939 in Prag festgenommen. Er überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald, wo er bis zur Befreiung 1945 interniert war. Was Feingold aus diesen Jahren erzählt, raubt einem (immer noch) den Atem. Es sind Variationen der Unmenschlichkeit – von dem „SS-Mann, der seinen Sohn mit der selben Hand streichelt, mit der er Menschen tötet“; von der „Gnade“ des bevorstehenden Todes von Müttern, die zuvor noch mitansehen müssen, wie ihre Babys gegen die Wand geschmettert werden; auch vom Verlust des eigenen Menschseins, wenn man sich zur Gleichgültigkeit zwingt, um irgendwie durchzuhalten.

Film als Mahnung

Die Regisseure lassen die Lebensgeschichte Feingolds für sich stehen. Off-Kommentare oder gefühlsbetonte Musik bleiben aus. Lediglich einige historische Archivaufnahmen ergänzen den Monolog. Dass dieser Film auch Mahnung sein will, wird nicht zuletzt dann klar, als immer wieder Auszüge aus Hassbriefen an Feingold – er war ab 1979 und bis kurz vor seinem Tod Präsident der Israelitischen Kulturgemeinde Salzburg – eingeblendet werden.

„Wahrscheinlich hält mich der Zorn am Leben“

Weniger verbittert als wütend wirkt dieser alte Mann. „Wahrscheinlich hält mich der Zorn am Leben“, sagt er in die Kamera. Und dieser Zorn blitzt immer wieder durch, wenn Feingold auf die über viele Jahrzehnte hochgehaltene Opferthese Österreichs („kein Wort wahr“), die nachlässige Entnazifizierung („einer hat den anderen entschuldigt“) und die Anfeindungen von Politik und Bevölkerung nach der Rückkehr aus dem KZ zu sprechen kommt.

„Die hatten nur die Gesichter von Menschen“

„Das waren keine Menschen. Die hatten nur die Gesichter von Menschen“, sagt Feingold über die Täter. Für manches, was er in den Lagern gesehen, gehört, gefühlt hat, scheint er keine Worte zu finden. Immer wieder hält er inne, schüttelt den Kopf, senkt den Blick – und schweigt. Wie heftig ihn die Erinnerungen an das, was Menschen einander antun können, bis an sein Lebensende umgetrieben haben, lässt sich erahnen, wenn Feingold gegen Ende des Films meint, dass er auch nach Jahrzehnten immer noch ein paar Mal im Jahr schweißgebadet aufwache.