Ausstellungsansicht „Der kalte Blick“
Klaus Pichler / hdgö
Klaus Pichler / hdgö
bis 14.11.2021

„Der kalte Blick“

Im März 1942 machen sich zwei junge Wissenschafterinnen aus Wien in die NS-besetzte polnische Kleinstadt Tarnow auf, um dort lebende jüdische Familien „rassenkundlich“ zu untersuchen.

Sie erheben Daten, vermessen Körper und machen an die 2.000 Fotografien, um den „typischen Ostjuden“ anthropologisch zu beschreiben. Das Haus der Geschichte Österreich (hdgö) erzählt in der Ausstellung „Der kalte Blick“ dieses beklemmende Kapitel heimischer Wissenschafts- und Täterinnengeschichte.

Menschen aus dem Ghetto Tarnow

Im Zentrum der Ausstellung stehen die in kriminalpolizeilicher Anmutung und unter Anleitung der beiden aufstrebenden Anthropologinnen Dora Maria Kahlich (1905-1970) und Elfriede Fliethmann (1915-1987) gemachten Frontal- und Seitenaufnahmen der insgesamt 565 unter Zwang abgelichteten Männer, Frauen und Kinder. Sie sind gewissermaßen der Ursprung des Rechercheprojekts, dem die Sonderschau auf dem Alma-Rose-Plateau zugrunde liegt.

„Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto Tarnow 1942“

Haus der Geschichte Österreich, von 5. Mai bis 14. November 2021; mit virtueller Eröffnung der Ausstellung; Ausstellungskatalog Deutsch/Englisch, 272 Seiten, 18 Euro

Abzüge in unscheinbarer Feldpostschachtel

Kuratorin Margit Berner, in der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums tätig, fand die visitenkartengroßen Originalabzüge 1997. Sie waren in einer unscheinbaren Feldpostschachtel verstaut, die unter Glassturz nun ebenfalls ausgestellt wird. Die handschriftliche Bemerkung „Tarnow Juden 1942“ weckte sofort ihr Interesse. In jahrelanger Forschungsarbeit gelang es Berner, Schritt für Schritt die Lebensgeschichte der Porträtierten zu rekonstruieren.

Ausstellungsansicht „Der kalte Blick“
Klaus Pichler / hdgö

Der Mensch als Materie

Der titelgebende „kalte Blick“ bezieht sich einerseits auf den Ausdruck in den Gesichtern der jüdischen Familien, in die das Erlittene unter deutscher Herrschaft bereits tiefe Spuren gezeichnet hat. Deshalb haben die Ausstellungsmacherinnen und -machern versucht, diesen gespenstischen Aufnahmen warmherzige Familienfotos – sofern vorhanden – als Kontrapunkt zur Seite zu stellen. Er beschreibt aber auch die menschenverachtende Herangehensweise der beiden Rassenforscherinnen. „Das ist Fotografie ohne Empathie, die in den Menschen nur Material sieht“, sagte Berner. Den Wissenschafterinnen sei außerdem bewusst gewesen, dass sie sich beeilen mussten, wenn sie noch genügend lebende „Objekte“ antreffen wollten – wie auch aus Auszügen des Briefwechsel zwischen den Frauen hervorgeht: „In nicht einmal zwei Wochen wurden 106 Familien vermessen“, so die Kuratorin.

Bewusst im Alma-Rose-Plateau angesiedelt

Für die hdgö-Direktorin Monika Sommer ist die bis vor kurzem in der Berliner „Topographie des Terrors“ gezeigte Sonderausstellung auch eine Erinnerung daran, dass die Naturwissenschaften immer auch ethisch gefordert seien. Was den Ort der Ausstellung in ihrem Haus betrifft, habe man diese Wiener Täterinnengeschichte ganz bewusst im Alma-Rose-Plateau angesiedelt. Denn gerade durch den vorgelagerten „Hitler-Balkon“ sehe man es als Verpflichtung, sich hier mit dem Holocaust und der Mitverantwortung Österreichs auseinanderzusetzen.

Ausstellungsansicht „Der kalte Blick“, Archiv der Bilder,
Klaus Pichler / hdgö

Stadt Tranow

Die Stadt Tranow, deren 50.000 Einwohner etwa zur Hälfte jüdisch waren, wurde nicht zuletzt deshalb ausgewählt, da ein ähnliches Vorhaben in Krakau aufgrund der fortschreitenden Auslöschung der Juden im Frühjahr 1942 gar nicht mehr umsetzbar gewesen sei, erklärte Berner. Nach Tranow kamen Kahlich und Fliethmann gerade noch rechtzeitig. Denn im Juni 1942 ging auch hier das Massenmorden der Nazis los.

Drei Zeitzeuginnen und Zeitzeugen noch am Leben

Nur 26 der 565 Personen, deren Biografien an einem eigenen Onlineterminal alphabetisch eingesehen werden können, überlebten den Holocaust. Drei betroffene Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind heute noch am Leben. Nachkommen und Überlebende, mit denen Berner im Zuge ihrer Recherchen in Kontakt getreten war, hätten durch diese tragischen Dokumente erstmals ein Bild ihrer umgekommenen Familienangehörigen – das in vielen Fällen das letzte vor ihrer Ermordung gewesen sein – vor Augen bekommen, schilderte die Ausstellungskuratorin. Am Ende der Ausstellung sind sämtliche rund 2.000 Fotos als Reproduktionen versammelt, allerdings so angeordnet, dass sie nur aus respektvoller Distanz erspäht, aber nicht begafft werden können.

Aspekt der Karrieremöglichkeit

Was die Wiener Forscherinnen anbelangt, ist ein Aspekt nicht uninteressant: Sie sahen ihr Projekt in Polen auch als Möglichkeit, die kriegsbedingte Abwesenheit der Männer zu nutzen und als Frauen im Wissenschaftssektor Karriere zu machen. Das Forschungsprojekt mit den Erhebungen aus Tranow selbst kam vor Kriegsende zu keinem Abschluss mehr. Kahlich wurde nach der Niederlage der Nationalsozialisten aus dem Wiener Anthropologie-Institut entlassen und arbeitete als Gutachterin in Vaterschaftsprozessen. Fliethmann ging nach Berlin und war im sozialpädagogischen Bereich tätig. Hinweise darauf, dass sie Reue gezeigt hätten, gebe es nicht, so die Kuratorin.