Gerettete im Mittelmeer warten auf einen Transfer nach ihrer Ankunft in der spanischen Hafenstadt Tarifa. (26.7.2018)
JORGE GUERRERO / AFP / picturedesk.com
JORGE GUERRERO / AFP / picturedesk.com
Neuerscheinung

„Die von Europa träumen“

Seit Jahren stehen die Themen Flucht und Migration weit oben auf der politischen Agenda in der EU. Während dabei oft nur darüber diskutiert wird, wie man sich am besten abschottet und am schnellsten zurückschiebt, gibt Melita H. Šunjić in ihrem Buch „Die von Europa träumen“ diesen Menschen eine Stimme.

Neun Fallgeschichten geben Einblicke in die dramatische Lebensrealität vieler Geflüchteten, in anschließenden Sachkapiteln erörtert die Migrationsexpertin und langjährige Pressesprecherin des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) die aktuelle Politik. Šunjić gibt Geschichten von Menschen aus verschiedenen Ländern auf verschiedenen Routen wieder. Sie geht dabei auf die Fluchtgründe ein, schildert dramatische und traumatische Erlebnisse während der Flucht und gibt Einblicke in die zermürbende Realität vieler bei der Ankunft in Europa.

Buchcover – Melita H. Šunjić: Die von Europa träumen
Picus Verlag

Melita H. Šunjić: Die von Europa träumen. Wie Flucht und Migration ablaufen. Picus Verlag. Wien. 2021. 208 Seite. 22 Euro. ISBN 978-3-7117-2095-5

Prototypische Beispiele

Die Kurzgeschichten porträtieren zwar keine real existierenden Personen, wenn auch die Kapitel der Fallgeschichten Namen wie „Dorine aus Kamerun“, „Djamal und Becca aus Syrien“ oder „Imani und Idris aus Somalia“ tragen. Es sind vielmehr prototypische Beispiele, die sich wiederholende Muster und Erfahrungsberichte aus Tausenden Interviews zusammenfassen. Alle Inhalte, alle Details sind wahr, wie die Autorin betont.

Schwieriges Leben in Europa

Eines haben alle Protagonistinnen und Protagonisten gemein: Als sie ihrer Heimat den Rücken kehren, ist keinem von ihnen bewusst, welch beschwerliche Zeit sie erwarten würde. „Weder zu Hause noch unterwegs hatte er je daran gedacht, dass das Leben in Europa schwierig sein könnte“, schreibt Šunjić etwa über Berhane aus Eritrea. Getrieben von Perspektivlosigkeit wie Berhane oder Mamadou aus dem Senegal, Krieg wie im Falle von Djamal und Becca sowie Karim aus Syrien oder Angst vor Unterdrückung wie Asif aus Afghanistan oder Grace aus Nigeria, machten sie sich auf, mit dem Ziel eines besseren Lebens für sich und ihre Familie vor Augen.

Trauriger und gefährlicher Teufelskreis

Doch je näher sie Europa kommen, desto mehr Risse ziehen sich durch das geschönte Bild eines Kontinents der Freiheit und Möglichkeiten für alle, wie es über Social Media von jenen, die es bereits „geschafft“ haben, oft transportiert wird. Hier zeigt die Autorin einen traurigen wie gefährlichen Teufelskreis auf: Viele der Asylwerberinnen und Asylwerber berichten gegenüber ihren Familien in der Heimat aus Scham nicht über ihre Schwierigkeiten. Etwa dass es keine Möglichkeit der Arbeit gibt, solange das Asylverfahren läuft und es somit wenig bis kein Geld gibt, das nach Hause geschickt werden kann. Geschwiegen wird auch über psychische Belastungen infolge von Gewalt und Folter während der Flucht und Rassismus im Aufnahmeland. Sie täuschen stattdessen ein gutes, neues Leben vor. Das motiviere wiederum jene, die eine Flucht nach Europa in Erwägung ziehen.

Immer schamlosere und mächtigere Schleppernetzwerke

Motiviert werden diese freilich auch von Schleppernetzwerken, die immer schamloser und mächtiger werden. Aber: Da es so gut wie keine Möglichkeiten der legalen Einreise – etwa zur Arbeitsmigration – in die EU gibt, sind viele „gewissermaßen genötigt, Dienste von Schleppern in Anspruch zu nehmen“, erklärt Šunjić. Der Fokus auf Grenzschutz ist ihrer Ansicht nach deshalb irreführend und nicht effektiv. Interessant ist hier ein Aspekt, den die Autorin nur nebenbei erwähnt: Entlang der Balkanroute wurden Schleppernetzwerke laut ihrer Analyse erst so richtig aktiv, nachdem die Route – auch auf Betreiben von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) – Anfang 2016 geschlossen wurde.

„Doppelbödigkeit“ der EU-Politik

In den sieben Sachkapiteln am Ende des kurzweiligen Buches analysiert die Migrationsexpertin vor allem die Probleme in Europa selbst. Mit der EU-Politik geht sie dabei hart ins Gericht und attestiert ihr „Doppelbödigkeit“, da sie einerseits auf Abschreckung abziele, man andererseits aber auf Zuwanderung angewiesen sei, wie etwa in der Landwirtschaft oder bei der Pflege. Sie thematisiert die Notwendigkeit von Seenotrettung und erzählt, welche Migrationspolitik sich Betroffene selbst wünschen.

Geflüchtete in Europa unglücklich und entmutigt

Im Laufe der Lektüre wird für die Leserin und den Leser eines immer deutlicher: Stimmen von Betroffenen hört man viel zu selten. Und: Sehr viele Geflüchtete sind in Europa unglücklich und entmutigt, haben aber gleichzeitig wenig andere Optionen. „Früher hatte sie sich nach Europa geträumt, wenn sie sich ein gutes Leben vorstellte. Heute hatte sie nicht einmal mehr Träume, nur diese schreckliche Angst vor dem Leben“, heißt es über Imani aus Somalia. Nur eine der neun Fallgeschichten hat ein Ende, das annähernd als „happy“ bezeichnet werden kann.