Roman „Die Wahrheit der anderen“ von Daniel Zipfel
kremayr & scheriau
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Roman

„Die Wahrheit der anderen“

Daniel Zipfels zweiter Roman „Die Wahrheit der anderen“ thematisiert wie schon sein Erstling 2015 „Eine Handvoll Rosinen“ die Situation von Flüchtlingen in Österreich.

Sein Buch beleuchtet diesmal vielperspektivisch das Asylverfahren einer jungen Pakistanerin in Wien, beobachtet dabei genau, wie Sprache die Wahrnehmung des Flüchtlingsthemas beeinflusst und spart nicht mit Medienkritik.

Veena Shahida im Mittelpunkt

Pakistanische Flüchtlinge protestieren nach dem Tod eines jungen Mannes gegen das Asylgesetz. Der Boulevard-Journalist Tinnermans schießt ein Foto der jungen Veena Shahida, die bei dem Protest stürzt und blutend vor einem Polizisten zu liegen kommt. Das Bild geht viral im Netz und sorgt für Empörung über die vermeintliche Polizeigewalt. Tinnermans beginnt eine Kolumne über das Protestlager, die er zusehends ausschmückt. Er stilisiert Veena zur Symbolfigur, zur Jungfrau von Orleans. Er motiviert die zunächst Unwillige zur Kooperation mit dem Versprechen, über medialen Druck Asyl für sie erreichen zu können.

Roman „Die Wahrheit der anderen“ von Daniel Zipfel
kremayr & scheriau

Daniel Zipfel: „Die Wahrheit der anderen“. Roman. Kremayr & Scheriau. 224 Seiten. 19,90 Euro. ISBN: 978-3-218-01207-2

Zwischen Justiz, Medien und Politik

Während das Anliegen der Protestierenden, die die junge Frau vor ihren Karren spannen, zwar mehr Aufmerksamkeit bekommt, führt ihr Auftreten zu einer Verschlechterung der Asyl-Aussichten für Veena. Anwältin Birgit Toth, der angesichts ihrer gesundheitlichen Krise die Zeit davonläuft, kämpft mühsam um ihre Mandantin. Ihr wäre für einen positiven Bescheid ein „Hascherl“ lieber als eine selbstbewusste Frau, die ihren Rat zugunsten jenes eines Journalisten in den Wind schlägt. Noch dazu bekommt Veenas Geschichte in der Befragung vor den Richtern Risse. Zwischen Justiz, Medien, der Politik und den Protestierenden entsteht ein Tauziehen um die Wahrheit. Und jeder kocht dabei sein eigenes Süppchen.

„Jegliche Wahrnehmung ist erzählt“

Dialoge, die manchmal zu lang ausfallen und es nicht immer leicht machen, der Geschichte hinterherzukommen, nehmen breiten Raum ein. Über ihr Sprechen entlarven sich die Figuren. So erklärt etwa der Chefredakteur sein Metier: „Wir reduzieren komplexe Sachverhalte auf menschliche Geschichten. Unterhaltsame Geschichten.“ Sein Redakteur, berauscht von seiner eigenen Erzählung, überschreitet später noch deutlicher die Grenze: „Hier geht es nicht nur ums Erzählen, hier schaffen wir Fakten, wir!“ Vom viel zitierten journalistischen Leitsatz „Sagen, was ist“, ist man weit entfernt. „Alles ist Erzählung“, meint eine Richterin in der Geschichte, „jegliche Wahrnehmung ist erzählt.“

Die Wahrheit gibt es nicht

Auf der Strecke bleibt das, worauf angeblich alle aus sind: die Wahrheit. Doch die eine Wahrheit gibt es nicht, macht der Roman klar. Sie sieht für jeden anders aus – alles eine Frage der Perspektive. Die Juristerei, Journalismus und die Literatur haben eines gemeinsam: Es geht um einen behutsamen Umgang mit Sprache im Abwägen der Auswirkungen, die das Geschriebene haben wird. Zipfel stellt mit seinem Buch viele Fragen und gibt keine Antworten. Was macht es mit uns, wenn in Berichten über Flüchtlinge von „Invasion“ zu lesen ist? Wenn Menschen das Recht, als Einzelperson gesehen zu werden, abgesprochen wird und sie zu einer bedrohlichen „Masse“ erklärt werden? Oder wenn sie im Gegenteil sozialkitschig zu Opfern eines vermeintlich inhumanen Staates gemacht werden? Wenn Emotionen auf beiden Seiten den Blick auf die Sache vernebeln? Die Art, wie wir darüber sprechen, verändert die Wahrnehmung.

Flüchtlings-Diskurs noch immer ein Konflikt zweier Pole

Dass sich der Autor im Thema auskennt, merkt man dem Roman an: Der 1983 in Freiburg geborene Daniel Zipfel wuchs in Wien auf und ist als Jurist in der Asylrechtsberatung tätig. Er kritisierte bereits mehrfach öffentlich, etwa 2017 in einem Gastkommentar für „Die Presse“, dass es infolge der Flüchtlingssituation 2015 nicht zu einer Versachlichung der Debatte gekommen sei. Vielmehr sei der Diskurs noch immer ein Konflikt zweier Pole. Auf der einen Seite sei in der Tagespolitik vor allem der Schutz vor und die Bedrohung durch Flüchtlinge dominant, auf der anderen Seite werde dem Staat medial Inhumanität vorgeworfen. Dabei sehe das Recht stets den Einzelnen, dessen Würde es zu wahren gilt. Der Alltag in der Flüchtlingsarbeit sei weniger von Willkür, die wenn dann eher von Gleichgültigkeit als von Bösartigkeit herrührt, als vielmehr vom Bemühen aller Seiten geprägt. Für ihn ist das „langweilig, aber menschlich“.