Kētos | Neu gegründeter Verlag stellt sich vor

Das Kētos ist der Wal der Traums, das Monster der Muse. In Wien, aber gleichzeitig auch in Prag tauchte ein neuer Verlag auf. Kētos. Er spezialisiert sich auf wilde Poesie und abenteuerliche, poetische Prosa. Hinter dem Verlag stehen Ondřej Cikán, Anatol Vitouch und ihre Theater- und Literaturgruppe „Die Gruppe“.

On demand | Radio Dráťák | 17.12.2018

Radio Dráťák Magazin

17.12.2018 | 21:10 | Radio Burgenland Livestream

Zu seiner Entstehung fand eine gemeinsame Einweihung der ersten vier erschienenen Bücher im Literaturhaus Wien statt. Die Redakteurin Pavla Rašnerová sprach Ende November mit dem Übersetzer und Verleger Ondřej Cikán und Dichter/innen Zuzana Lazarová und J. H. Krchovský.

Kētos Verlag

orf | pavla rašnerová

V.l.n.r.: Anatol Vitouch, Ondřej Cikán, Zuzana Lazarová, Georg Danek und J. H. Krchovský

Kētos fährt heuer aus

Der Übersetzer der neu herausgegebenen Bücher ist der Tschechisch und Deutsch schreibende Schrifsteller und Philologe Ondřej Cikán, der gelichzeitig auch ihr Verleger ist (ausgenommen Daphnis und Chloë, denn hier geht es um gemeinsame Übersetzung aus dem Griechischen ins Deutsche zusammen mit Georg Danek). Kētos schwamm über den Wasserspiegel auf und wir wünschen ihm, möglichst viele Leser/innen zu erreichen!

„Hier in Österreich, aber auch anderswo wollen wir propagieren, dass Poesie auch spannend sein kann und dass sie auch unterhalten kann. Wir sind davon überzeugt, wenn man gegenwärtige tschechische Dichter/innen verstehen will und einen Einblick erlangen will, wo die tschechische Poesie steht, dann ist ist es notwendig, dass die Leser/innen hier die Chance haben, sich auch mit K. H. Mácha, mit Symbolisten, Májovci und dann mit Poeten und Surrealisten in guten poetischen Übersetzungen und in ordentlichen Versen kennenzulernen und deswegen werden wir stufenweise z.B. Otokar Březina, Karel Hlaváček, weiter Vítězslav Nezval und Josef Váchal übersetzen. Wir wollten gerne eine etwas tschechische Bibliothek entstehen lassen und außerdem werden wir weiter auch aus dem Altgriechischen übersetzen“, erzählt Cikán über das Vorhaben des Verlags.

Kētos Verlag

Kētos Verlag

Ondřej Cikán | „Den Übersetzungen widmen wir alles, was sie verdienen“

Das Kulturministerium der Tschechischen Republik erhöhte deutlich Subventionen für Übersetzungsunterstützungen. Es unterstützt auch Übersetzungen von nicht mehr lebenden Autor/innen. „Als ich erfahren habe, dass es die Subventionen gibt, habe ich gejubelt und wir haben sofort begonnen zu lösen, wie man den Verlag so schnell wie möglich gründen kann, damit die Bücher rechtzeitig noch vor der Leipziger Buchmesse 2019 erscheinen könnten, wo die Tschechische Republik Ehrengast sein wird“, ergänzt Cikán.

Der heuer neu gegründete Verlag Kētos, mit seinem Sitz in Wien und Prag, stellt echte literarische Juwelen vor. Unser heutige Gast der Radiosendung Dráťák ist sein Verleger und auch Übersetzer Ondřej Cikán: „Der Verlag entstand vor allem deswegen, weil wir nicht wußten, wo wir die Übersetzungen, an denen wir gearbeitet haben, herausgeben werden. Ein gutes Beispiel ist Der blutige Roman von Josef Váchal. An dem habe ich schon lange zuvor begonnen zu abreiten. Als ich den Roman verschiedenen Verlagen angeboten habe, wurde es mir gesagt, dass es zu schwierig wäre, ihn herauszugeben. Für die Illustrationen müsste man Rechte besorgen und es wäre auch im Allgemeinen nicht leicht, das ganze Buch zu setzen, die ganze Arbeit wäre zu teuer und der Übersetzer verliert selbstverständlich sofort seine Rechte, wenn das Werk herausgegeben wird, weil er dafür nur ein Honorar bekommt. Es wurde mir auch gesagt, dass die tschechische Literatur niemanden interessiert und das gelte auch für die Poesie. Na und wir waren davon überzeugt, dass die tschechischen Texte doch interessant sind und dass wir sie selbst herausgeben müssen, weil es kein anderen Weg dafür gab. Wir wollten uns für die Übersetzungen vor allem genug Zeit nehmen und nicht so übersetzen, als ob das ein Auftrag wäre. Weiter war es für uns wichtig, ihnen auch Nachworte und ordentliche Kommentare zu geben und einfach alles, was sie verdienen.“

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Kētos Verlag Der eiserne Hemd

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Zuzana Lazarová | „Körper als Falle“

Der nächste Gast des Radios Dráťák ist die tschechische Fotografin und Dichterin Zuzana Lazarová. Ihre Gedichtsammlung aus dem Jahre 2015 erreichte die deutsche Übersetzung gerade beim Verlag Kētos. Sie wird Ihnen von ihrem Verleger Ondřej Cikán nahegebracht: „Das eiserne Hemd bedeutet nicht nur so etwas wie ein Grab, in dem man beengt ist, sondern ist auch ein Hinweis auf Wenzel Matthias Kramerius und Edgar Allan Poe und weist auf die Grube hin, in der der Hauptprotagonist eingesperrt ist. Alle ihre Gedichte kreisen um ein ähnliches Thema wie Beengung, aber auch um leidenschaftliche, physische Liebe, die mit Beengung zusammenhägt.“

„So habe ich das Gefühl der Eigenen-Körperbeschränkung benannt - Körper als Falle, Beziehungen als Falle, eine Situation, in die man hineingeht, ohne zu wissen, dass es schlimm endet. Blinde Gassen - das ist das eiserne Hemd. Es ist die Unmöglichkeit, den Glücksstand langfristig zu erreichen“, erklärt Lazarová den Titel ihrer Debütgedichtsammlung, die auf den tschechischen literarischen Jiří-Orten-Preis nominiert wurde. Ende November wurde sie zusammen mit der deutschen Übersetzung im Literaturhaus Wien vorgestellt.

J. H. Krchovský | Die fast eine Herbstwoche in Wien

Eines der nächsten Bücher, die heuer im Verlag Kētos herausgegeben wurden, ist die deutsche Übesetzung „Mumie auf Reisen“ von dem bekannten tschechischen Dichter und Musiker J. H. Krchovský. Sein Verleger und Übersetzer bringt Ihnen nahe, warum er sich gerade für sein literarisches Schaffen entschied: „Anatol Vitouch und ich schreiben auf Deutsch ziemlich ähnliche Gedichte wie J. H. Krchovský. Wir machen virtuose und präzise Verse und nicht einfache Reime zu Nutze. Es sind selbstironische, animalische Gedichte, die amüsant sind und deswegen bin ich ein großer Fan von J. H. Krchovský. Schon von klein auf.“

Kētos Verlag Mumie auf Reisen

Kētos Verlag

Auf den Dichter und Musiker des tschechischen Undergrounds wartete nach der Lesung im Literaturhaus Wien auch ein Konzert im Wiener Klub Nachtasyl: „Ich kenne das Nachtasyl als einen mythologischen Ort. Seinen Besitzer Jiří Chmel kenne ich selbstverständlich und vor allem verbinde ich den Ort auch mit meinem Ex-Schwiegervater Pavel Landovský, der die Volksgruppe vor fünf Jahren verlassen hat und zu seiner Zeit, wann er in Zwangsmigration war, hat er im Nachtasyl sicher nicht nur eine Nacht verbracht. Noch kurz vor der Revolution konnte ich schon hierher reisen, aber seine Tochter, die Mutter meiner Töchter, als Kind eines Chartisten konnte die hiesige Grenze nicht überschreiten. Ich verbrachte hier nur ein paar Tage und wohnte bei seiner damaligen Lebensgefährtin Monika Dienstbierová, die in dieser Stadt studierte. Es war ein schönes Milieu, das mich an Prager Karlín/Karolinenthal erinnerte. Ich hörte dort Züge und Gleise. Es war eine schöne Herbstwoche, die sich für mich dann nach meiner Rückkehr in Prag fortsetzte. Ich war damals eigentlich das erste Mal im Westen und deswegen hatte es für mich ein noch tieferes Ausmaß - zum ersten Mal im freien Land und ich weiß, dass ich von hier ein paar Samisdat-Bücher mit nach Hause schmuggelte, die ich von Pavel bekam.“

Die Bücher des Verlags Kētos können Sie sich in jeder beliebigen österreichischen und deutschen Buchhandlung bestellten. In Tschechien ist das über folgenden Verlag möglich Kosmas.

Unser heutiges Thema wurde musikalisch von dem Prager Duo „Andrej Polanský wtf Emül Langman“ umrahmt, das zusammen mit den Künstler/innen die Entstehung des Verlags Kētos feierte. Die Band wurde zu Ehren des Musikers Lou Reed gegründet.

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orf | pavla rašnerová

17.12.2018 | Článek v češtině | Kētos | Nově založené nakladatelství se představuje

Die Interviews mit Ondřej Cikán, Zuzana Lazarová und J. H. Krchovský über ihr literarisches Schaffen und über den Verlag Kētos hören Sie im Magazin Dráťák. Die Radiosendung wurde für Sie von Pavla Rašnerová und Tereza Chaloupková gestaltet.

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