Die Wiener Premiere des Dokufilms „Rozvzpomínání/Erinnerung“

Vor zwei Jahren besuchten einige von ihnen die Stadt Brünn überhaupt zum ersten Mal. Auch unter einander knüpften sie neue Kontakte. 120 Nachkommen historisch bedeutender Fabrikantenfamilien Löw-Beer und Tugendhat aus allen Ecken der Welt trafen sich im Rahmen des Kulturfestivals „Meeting Brno“ in der mährischen Metropole, früher bekannt als „mährisches Manchester“.

On demand | Radio Dráťák | 24.9.2018

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Radio Dráťák Magazin

24.09.2018 | 21:10 | Radio Burgenland Livestream

Manche Lebensgeschichten, aber vor allem die Atmosphäre dieses Ereignisses wurden von zwei jungen Filmmachern, Roman Zmrzlý und Radovan Kramář, auf die Leinwand übertragen. Zusammen mit Daniela Hammer-Tugendhat und Ivo Hammer, Protagonisten/innen des Brünner Treffens, stellten sie Mitte September in Wien ihren Film „Erinnerung“ vor, und zwar im Tschechischen Zentrum, wo sie von Pavla Rašnerová interviewt wurden.

Kontakteknüpfen mit Heimat der Vorfahren

„Wir würden uns freuen, wenn auch unser Dokumentarfilm zum besseren Bewusstsein beitragen würde und so könnten wir helfen, Geschichten der Menschen besser zu erzählen, die flüchten mussten und nicht die Chance dazu hatten. Erst voriges Jahr begannen sie, Kontakt mit Heimat ihrer Vorfahren anzuknüpfen“, sagt der Produzent Radovan Kramář über den Film „Erinnerung“, mit dem er gemeinsam mit Roman Zmrzlý die Tür zu einer keinerlei leichten Zeit öffnete, als es zur Massenverfolgung der jüdischen Bevölkerung kam. Noch am Ende der 1930er Jahre lebten in Brünn neben Tschechen auch etwa 12 000 Juden und ungefähr 58 000 Deutsche.

„Die Grundlage für die endgültige Lösung dieser Dinge ist selbstverständlich eine Bekennung zu den Ereignissen, die in der Vergangenheit geschahen, über die man aus vielen Gründen nicht spricht und in der Schule nicht unterrichtet“, ergänzt Zmrzlý zu den zu wenig diskutierten, dunklen Epochen der tschechoslowakischen Geschichte.

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V.l.n.r.: Radovan Kramář | Produzent und Roman Zmrzlý | Regisseur

Das deutsche und auch jüdische Brno/Brünn

Unser nächster Gast des Radios Dráťák ist Daniela Hammer-Tugendhat, die in Wien lebende Kunsthistorikerin und das jüngste Kind der Besitzer der berühmten Villa Tugendhat in Brünn. Sie wurde bereits in der Emigration, in Venezuela im Jahre 1946, geboren. Jedenfalls fühlt sie zu der Villa immernoch eine starke Verbundenheit: „Es war ein überwältigendes Erlebnis. Sie müssen sich das vorstellen, die Familie wurde von den Nazis vertrieben, bzw. ermordet und ist in alle Weltteile zerstreut worden. Sie kamen nach Brünn aus Europa, aus Amerika, aus Kanada, aus Singapur, aus Lateinamerika, aus Australien, aus der ganzen Welt. Das war meine Generation, aber das war auch die Generation meiner Söhne mit ihren Kindern. Für mich sind dieses Bewusstsein von mehreren Kulturen in einer Stadt und auch die Erinnerungen an diese Zeit sehr bedeutsam. Mir ist natürlich klar, dass die Geschichte sich nicht wiederholt und dass die heutige Situation ganz anders ist, aber es gibt erschreckende Ähnlichkeiten mit der Zeit 1933, nämlich dass es eine Krise gibt und statt dass man die Probleme in den sozialen Verhältnissen sucht, dass man die Krise auf die anderen abwälzt und das waren damals die Juden und das sind heute die Asylanten.“

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orf | pavla rašnerová

Die Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat

Der Zeitzeuge | Villa Tugendhat

Das Ehepaar Greta und Fritz Tugendhat verbrachte in ihrem Brünner Zuhause, dem funktionalistischen Prachtstück des deutschen Architekten Ludwig Miese van der Rohe, acht Jahre, bis zum Jahre 1938, als sie vor der Nazi-Diktatur ins Ausland flohen. Das Haus übernahm später die Gestapo und nach der Befreiung die Rote Armee. Weiter diente es auch der privaten Schule der Rhythmik oder für Kurzwecke. Es sickerte ins Gedächtnis vieler als Ort der Unterzeichnung der Trennung der Tschechoslowakei. Im Jahre 2012 wurde sie offiziell für die Öffentlichkeit geöffnet.

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V.l.n.r.: Ivo Hammer, Daniela Hammer-Tugendhat und Ruth Guggenheim-Tugendhat vor der Brünner Villa Tugendhat

Im Jahre 2001 wurde die Villa in die Liste des UNESCO-Welterbes eingeschrieben. Sie ist im Eigentum des Südmährischen Landkreises, aber moralisch gehört sie den Nachkommen der Familie. Ivo Hammer, Daniela Hammer-Tugendhats Ehemann nahm an der Hausrestaurierung bedeutend teil: „Das ist in Brünn nicht anders als in Wien. Die Verschiedenheit der Menschen und die Verschiedenheit der Geschichten, die Verschiedenheit der Erzählungen ist in Brünn wie in Wien ähnlich.“

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Ivo Hammer | Konservator und Restaurator

Roman Zmrzlý | Änderungen auf dem Magistrat

Der Grund dafür, warum vieles in Brünn in den letzten Jahren in Gang gebracht wurde, hängt nach Roman Zmrzlý mit der Änderungen auf dem Magistrat zusammen, „es tauchten Politiker auf, die sich diesen Fragen öffnen wollen und sich ihnen vertiefend zu widmen. Dank dessen konnte das Festival Meeting Brno in Kooperation mit dem Magistrat der Stadt Brünn, dem Touristischen Informationszentrum und den Organisator/innen Meeting Brno entstehen.“

Der neue Dokufilm „Absence/Abwesenheit“

Das Autorenduo, bestehend aus Roman Zmrzlý und Radovan Kramář, bereitet schon einen nächsten Dokufilm mit dem Arbeitstitel „Absence/Abwesenheit“ vor. Er hält aus dem Blickwinkel der Nachkommen großer Fabrikantenfamilien mit jüdischen Wurzeln die gegenwärtige Situation in der Tschechischen Republik und allgemein den historischen Verlauf in der Tschechoslowakei nach dem Jahre 1948 mit dem Fakt fest, was alles der Staat durch das unfreiwilliges Verlassen bedeutender Persönlichkeiten, in diesem Fall aus Brünn, verlor.

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Daniela Hammer-Tugendhat und Ivo Hammer bei der Vorführung des Films „Erinnerung“ im Tschechischen Zentrum Wien

29.10.2018 | Článek v češtině | Vídeňská premiéra dokumentu „Rozvzpomínání“

Die Interviews mit Radovan Kramář, Roman Zmrzlý, Daniela Hammer-Tugendhat und Ivo Hammer über den Film „Erinnerung“ hören Sie im Magazin Dráťák. Die Radiosendung wurde von Pavla Rašnerová, Pavlína Woodhams und Tereza Chaloupková vorbereitet.

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