Im Totaleinsatz | Zwangsarbeit der tschechischen Bevölkerung für das Dritte Reich

Schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte Deutschland einen Mangel an Arbeitskräften, was mit einem unfreiwilligen Einsatz aus dem Ausland kompensiert wurde. Das damalige Protektorat Böhmen und Mähren mussten im Laufe des Kriegs mehr als 450 000 Männer und Frauen verlassen und für das Dritte Reich arbeiten. Rund 80 000 von ihnen wurden in das heutige Gebiet von Österreich einberufen.

On demand | Radio Dráťák | 22.10.2018

Radio Dráťák Magazin

22.10.2018 | 21:10 | Radio Burgenland Livestream

Es handelte sich vor allem um Ober- und Niederösterreich, auch um Wien, das ein wirtschaftliches Zentrum war, weiter Linz oder Enzesfeld. Die Ausstellung „Im Totaleinsatz“ erkundet Schicksale gerade dieser Menschen, die zwangsmäßig ihre Heimat verlassen mussten und mit einer unklaren Vision besserer Morgen dienten sie mehrere Jahre der Kriegsmaschinerie.

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orf | pavla rašnerová

Tschechen bei dem Luftschutz oder in der technischen Nothilfe

Die Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte der Universität Wien bewirtet gerade eine außergewöhnliche Sammlung der Geschichten, in der ersten Reihe finden wir hier persönliche Dokumente in Form von Fotografien, aber auch Ausschnitte von Tagebüchern oder Briefteilen. Die Zwangsarbeit der eingesetzten Tschechen/innen war anstrengend nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Sie waren vor allem bei dem Luftschutz oder auch bei der technischen Nothilfe beschäftigt. Ihr bisher ruhiges Leben wechselte in einen Überlebenskampf über.

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Tomáš Jelínek | der Direktor des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds

Die Ausstellung „Im Totaleinsatz“ wurde auch vom Direktor des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds vorgestellt. Der Fond fördert das bessere Verständnis zwischen Tschechen und Deutschen von Schulwesen über Wissenschaft und Kultur bis hin zu sozialen Projekten.

„Zu dem Hauptbruch kam es in dem Moment, in dem die deutsche Armee in Probleme geriet. Sie brauchte immer wieder ihren Stand zu ergänzen und die Tschechen wurden im Prinzip nicht in die Wehrmacht einberufen. Sie wurden nicht als zuverlässig angesehen, sondern als das minderwertige Volk. Desto mehr konzentrierte sich die Kriegsmaschinerie auf sie als Arbeitskraft, die deutsche Männer in der deutschen Kriegswirtschaft ersetzt. Es war Reinhard Heydrich, der später diesen Beruf nach Jahrgängen inizierte. Zuerst fiel die Entscheidung, dass die Jahrgänge 1921, 1922 eingesetzt werden, im Grunde genauso, wie man in Armee einberuft wurde. Alle Männer dieser Jahrgänge und auch Frauen mussten sich bei dem Arbeitsamt melden und sie bekamen den Einberufungsbefehl mit der Angabe, in welche Arbeit sie eingeteilt wurden“, beschreibt Jelínek die Situation der Tschechen im Zweiten Weltkrieg.

Stanislava Zvěřinová | Auf den Seiten des Tagebuches

Die Ausstellung besuchten auch ein paar Verwandte der Eingesetzten. Unter denen war auch Alena Havlínová, die Nichte von Stanislava Zvěřinová. Auf der Ausstellung kann man Originale ihrer Tagebücher sehen. Sie wurde in den Jahren 1944-45 eingesetzt und zwar in mehreren österreichischen Städten. Frau Havlínová kam mit ihrer Schwiegertochter Jana Malíková in Wien an.

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Alena Havlínová und Jana Malíková

„Aus Budweis ging die ganze Mädchengruppe, die zusammen ein Gymnasium besuchten, nach Österreich zu arbeiten. Die Gruppe musste sicher nett sein, weil sie sich dann fünfzig, sechzig Jahre danach auch noch trafen. Meine Tante war froh, optimistisch. ‚Etwas kommt, etwas geht, aber keine Tragödie. Man muss immer positiv denken’, wie sie sagte“, erinnert sich Alena Havlínová an den Lebenselan ihrer Tante.

Stanislava Zvěřinovás Zeugenaussage wurde als Buch im Jahre 2001 unter dem Titel „Devatenáct nám bylo pryč: totální nasazení dívčího ročníku 1924 trochu jinak“ (dt.: „Neunzehn waren wir lange her: der Totaleinsatz des Mädchenjahrganges 1924 ein bisschen anders“) herausgegeben.

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Stanislava Zvěřinovás Tagebücher sind auf der Ausstellung „Im Totaleinsatz“ zu sehen

Milan Jelínek | Hilfe von den Wiener Verwandten

Unser nächster Gast der heutigen Radiosendung Dráťák ist Jana Jelínková, die Witwe nach Milan Jelínek, der gleich nach der Matura in den Jahren 1942-44 nach Wiener Neudorf eingesetzt wurde.

„Es war ein Betrieb für die Herstellung der Flugzeugmotore, wo er arbeitete. Er hatte Glück, weil er aus einer halbtschechischen, halbdeutsch-österreichischen Familie war. Als mein Mann total eingesetzt wurde, unterstützten ihn seine Wiener Verwandten sehr. Das waren sein Onkel Zdenko Spausta und seine Frau Hermine Spaustová. Als die Gestapo ihn schnappte, wurde er hier im Frühling 1944 gefangen, dann halfen ihm die Wiener Verwandten vor allem moralisch sehr“, erzählt Jana Jelínková über den Totaleinsatz ihres Mannes Milan Jelínek.

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Jana Jelínková

Die Ausstellung „Im Totaleinsatz. Zwangsarbeit der tschechischen Bevölkerung für das Dritte Reich“ mit Erweiterung „Zwangsarbeit auf österreichischem Gebiet“ können Sie bis zur Mitte März 2019 besuchen. Sie finden sie in Räumlichkeiten der Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte im Campus der Universität Wien, im Hof 1 an der Adresse Spitalgasse 2-4, im neunten Bezirk.

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Erinnerungen und Gedanken des Bohemisten, des ersten Rektors der Masaryk-Universität nach November 1989 Milan Jelínek, erschienen heuer in der Publikation „Memoáry 1942-1971. Od okupace do okupace“ (dt.: „Die Memoiren 1942-1971. Von Okkupation bis Okkupation“) im Verlag des Brünner Mährischen Landesmuseums.

Viele behielten aber diese bittere Erfahrung für lange Jahre nur für sich selbst.

Entschädigung von Zwangsarbeitern/innen

Es kam aufgrund der Anwendung des amerikanischen Gesetzes der Kollektivklage dazu. Den deutschen Firmen wie Siemens oder z.B. Bayer drohten nicht nur finanzielle Verluste, aber auch Verluste des Prestiges. Diese Firmen beschäftigten die total Eingesetzten oder nutzten auch die Arbeit der Gefangenen von Konzentrationslagern aus. Dazu wurden dann auch Opfer, Opfer-Vertreter aus Mittel- und Osteuropa und auch ihre Regierungen eingeladen. In Deutschland in Jahren verliefen 1999 - 2001 Verhandlungen, ein Jahr später wurden sie nach Österreich verlegt. Es entstand die deutsche Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und der Österreichische Versöhnungsfonds.

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Organisation „Živá paměť“

Weiter nahm auch die Organisation „Živá paměť“ (dt.: „Lebendiges Gedächtnis“) an der Ausstellung Anteil, die aufgrund des Entschädigungsprozess vom Titel der zwanghaften und sklavischen Arbeiten im Zweiten Weltkrieg entstand. Nach Wien kam die Projektkoordinatorin Šárka Jarská: „Selbstverständlich können wir darüber nachdenken, wie die Politik und solch ‚große Geschichten‘ in Leben der Einzelwesen eingreifen, in Vorstellungen über Leben, in einfache Alltagssachen, wie sie ihren Lauf ändern und wie sich das Leben der Menschen anders entwickeln konnte, wenn sie nicht aus ihren geläufigen Leben, aus ihren Lebensplänen herausgerissen worden wären.“

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Martin Hořák | Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds und Šárka Jarská | Organisation „Živá paměť“

Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds

In der Tschechischen Republik gibt es den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfond seit dem Jahre 1998. Er entschädigte aufgrund der tschechisch-deutschen Erklärung die tschechischen Opfer des Nazismus. Es waren etwa 86 000 Menschen, davon etwa 11 000, die in Österreich eingesetzt wurden, erklärt der Direktor des Fonds Tomáš Jelínek.

Článek v češtině | 22.10.2018 | Totálně nasazeni | Nucená práce českého obyvatelstva pro třetí říši

Das Radio Dráťák Magazin über die Ausstellung "Im Totaleinsatz mit Tomáš Jelínek, Alena Havlínová, Jana Malíková, Jana Jelínková und Šárka Jarská konnten Sie am Montag, den 22. Oktober, um 21.10 Uhr auf Radio Burgenland anhören. Vorbereitet wurde es von Pavla Rašnerová und Tereza Chaloupková.

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„Auch ich gehe arbeiten.“ | Ein Propagandaplakat ruft Frauen zur Arbeit in der Industrie auf

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