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Mo | 13.02.2012
Denkmal
"Kampf gegen Windmühlen"
In den Jahren nach dem Bombenattentat sei in Oberwart einiges passiert, vor allem in Bezug auf die schulische Ausbildung der Roma-Kinder, sagte gestern der Künstler Peter Wagner. "Verheerend" sei aber die politische Seite.
"Tragödie des Roma-Volkes"
Im Wiener Depot haben gestern Abend mehrere Vereine - allen voran der Roma-Verein Romani Dori - eine Gedenkveranstaltung abgehalten, zum Anlass des 11. Jahrestages des Bombenattentats in Oberwart, bei dem vier Angehörige der Roma-Volksgruppe - Josef Simon, Peter Sarközi, sowie Karl und Erwin Horvath - ermordet wurden. Der Verein Romani Dori, der Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien repräsentiert, wollte damit der "Tragödie des Roma-Volkes" gedenken, wie der Vereins-Vorsitzende Boban Stojkov einleitend sagte.
"Stefan Horvath. Zigeuner aus Oberwart" Die Stimmen der Toten
Die Präsentation des Films "Stefan Horvath. Zigeuner aus Oberwart" des Regisseurs Peter Wagner wurde zum Anlass genommen, um über die Situation der Roma in der Oberwarter Siedlung nach dem Attentat von 1995 zu diskutieren. Stefan Horvath, Vater von einem der Getöteten, erzählt in dem Film sehr eindrucksvoll nicht nur von seiner persönlichen Auseinander-setzung mit dem Anschlag, sondern auch von der Tragodie einer gesamten Generation, die von den Nazis verfolgt, ermordet und die wenigen Überlebenden nach dem Krieg ihrem Schicksal überlassen wurden. Wie er im Film sagt, hört er die Stimmen der Toten, die Stimmen aus den KZs und darauf basiert seine Poesie. Entstanden ist der 90-minütige Film zu Stefan Horvaths Buch "Ich war nicht in Auschwitz". Der südburgen-ländische Schriftsteller Peter Wagner beschäftigt sich seit Anbeginn seiner künstlerischen Arbeit mit dem Schicksal der Roma des Burgenlandes.
Oberwart war "völlig überfordert"
Das Attentat in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 habe die Stadt Oberwart "völlig überfordert", sagt Peter Wagner heute. "Dieser Ort war erwählt, eine Schande in sich zu bergen", denn die Leute wussten, dass es Roma gibt, die "bei uns, aber nicht mit uns leben", beschreibt Wagner die damalige Situation. So sei eine Diskussionsveranstaltung laut seinen Erzählungen geradezu "gespenstisch" gewesen, da sämtliche Vereine in Oberwart eingeladen wurden, um über die Situation nach dem Bombenanschlag zu reden, aber nur zwölf Menschen sind gekommen. Im benachbarten Fußballstadium seien hingegen 3.000 gewesen.
Helmut Horvath Das Verhältnis zu den Gadje: "Human"
Im Bereich der schulischen Ausbildung habe sich in den letzten Jahren einiges getan, so Wagner. Besonders wertvolle Arbeit hat in dieser Hinsicht der Verein Roma geleistet, der den Kindern außerschulische Lernhilfe anbietet. Helmut Horvath, Bruder des Filmprotagonisten Stefan Horvath, erzählte bei der Veranstaltung auch davon, dass es nun sogar Lehrer gebe, die den Kindern privat bei den Hausaufgaben helfen. Horvath beschreibt heute das Verhältnis zu den Gadje - d.h. Nicht-Roma - als "human". Vor Jahren hat er nicht einmal Kontakte zu Leuten außerhalb der Siedlung gehabt. Helmut Horvath ist unter anderem einer der Mitwirkenden bei dem jüngsten Projekt von Peter Wagner "Dorf.Interrupted", mit nicht nur einem kulturellem, sondern auch einem starken integrativen und arbeitsmarktpolitischen Ansatz.
Verein Roma Keine Lösung für Finanzierung von Geschäftsführer
Eine "Vision" sei es, dass es unter den Roma in Oberwart je einen Rechtsanwalt, Arzt oder Lehrer gibt. Seit 1945 hat es zwei bis drei Maturanten gegeben, meint Wagner. "Verheerend" sei aber auch die politische Seite: so sei die Finanzierung der Stelle eines Geschäftsführers im Verein Roma nach wie vor ungelöst. Zwar habe das Land Burgenland vor den Landtagswahlen einen Geschäftsführer für ein halbes Jahr in Aussicht gestellt, heute, nach den Wahlen, sei nicht einmal davon mehr die Rede, ärgert sich Wagner, der seit eineinhalb Jahren auch im Vorstand des Vereins sitzt. Diesbezüglich würden die Roma-Vereine gegen Windmühlen kämpfen. Er ortet darin eine generelle "Politik des Aushungerns". Auch Romano dori-Vorsitzender Stojkov betonte, dass er sich hinsichtlich der Vereinsarbeit mehr Zusammenarbeit der Roma wünsche, um gemeinsam vorgehen zu können.
Neues Buch Über die Psyche des Attentäters
Der Schriftsteller Stefan Horvath arbeitet derzeit an seinem nächsten im Herbst erscheinenden Buch, berichtete Wagner, und zwar versucht er sich diesmal in die Psyche des Attentäters zu versetzen. Horvath hat unter anderem auch das Gespräch mit den Eltern von Franz Fuchs, der 1999 als Urheber des Attentats verurteilt wurde, gesucht und gefunden. Für Wagner ist Stefan Horvath, der mit seinem literarischen Werk durch Österreich zieht, zu einer Art Botschafter der Roma geworden. Und Wagner weiter: "Welche Arbeit macht man, um zu sagen, dass man da ist und sich dafür rechtfertigt."
Organisiert wurde die Gedenkveranstaltung im Depot von Romani Dori, kinoki, der Initiative Minderheiten, dem Verein exil und dem Augustin.
Tatjana Koren, volksgruppen.ORF.at