Helena Basler und allmähliche Enthüllung der Zeit vor dem Wendejahr 1968

Die damals 20-jährige Helena Basler, die gegenwärtige Vorsitzende des Kulturklubs der Tschechen und Slowaken in Österreich, dachte im Frühling 1968 sicher nicht über eine mögliche Ausreise aus der Tschechoslowakei nach. Gerade umgekehrt, es sah so aus, als würden sich bessere Zeiten nähern.

On demand | Radio Dráťák | 30.4.2018

Helena Basler

orf | pavla rašnerová

Radio Dráťák Magazin
30.4.2018 | 21:10 | Radio Burgenland Livestream

In dem Zeitraum, in dem sie wegen ihres unerwünschten Kaderprofils gerade ihre Abendmatura in Prag finalisierte und tagsüber im Arbeiterbereich beschäftigt war, begann man in der Gesellschaft wieder über die verübten Brutalitäten nach dem Zweiten Weltkrieg und in den Fünfziger Jahren in der Tschechoslowakei, öffentlich zu reden. Über die Beseitigung der politischen Gegner von der kommunistischen Totalität, aber auch der Religionvorsitzenden oder Intelligenz, die nicht mit Praktiken und Prinzipen der Parteimitglieder einverstanden waren. Der Demokratisierungsprozess während des Prager Frühlings schien hoffnungsvoll zu sein.

„Ich war zwar nicht zufrieden, aber es gab hervorragene Dinge. Im Jahre 1968 war Semafor, Jonáš. Sogar in Lucerna gab es plötzlich Beat und Rock´n´roll Konzerte, das, was es früher einfach nicht gab. Man begann von Čapek zu sprechen. Man erfuhr, wie schreckliche die Taten im Jahre 1950-51 waren, wie viele Menschen hingerichtet wurden. Früher ahnte ich nicht, wer irgendeine Frau Horáková war. Das alles begann sich zu öffnen. Es sah sehr vielversprechend aus,“ erinnert Helena Basler an die Zeit des Prager Frühlings 1968 in Tschechien.

Die Befreiung der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils von der Sowjetarmee ermöglichte den Kommunisten eine große Chance. Sie begannen langsam in die wichtigsten Stellen in der Regierung einzudringen. Der Tschechoslowakische Staat genoss also nicht die so lange ersehnte Freiheit wieder. Im Februar 1948, geschah es, dass sich die Tschechoslowakei dem sowjetischen Machtblock anschloss. Zwanzig Jahre Totalität, Kollektivierung, politische Prozesse, Gesellschaftskrise, Desillusion des Sozialismus. Das Ende der Sechziger Jahre das des Zwanzigsten Jahhunderts sollte jedoch anders werden.

Die Wiener Tschechin Helena Basler kommt aus einer intellektuellen Familie. Schon in ihrer Kindheit beginnt sie die Wahrheit, die sich hinter dem roten Mantel versteckt, zu analysieren und verstehen zu wollen.

Helena Basler

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Helena Basler | Vorsitzende des Kulturklubs der Tschechen und Slowaken in Österreich

An ihr Heranwachsen, die von Dämpfen des totalitären Regimes aufgesaugt, oftmals durchnässt wurde, hat Helena Basler lebhafte Erinnerungen. So schildert sie ein damals noch verwirrtes Erlebnis: „Ich, als kleines Kind, ich war damals etwa fünf Jahre, kroch mit meiner Großmutter irgendeinen Zaun in Sezimovo Ústí durch, wo meine Großmutter mich zum Grab des ehemaligen Präsidenten Beneš führte und es war dort eine adelige Dame, die mich angeblich über den Kopf streichelte, schenkte mir Schokolade, Bonbons, an alles kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Die ganze Sache ging mir ständig durch den Kopf. Meine Großmutter sagte zu mir: ‚Das ist die Ehefrau des Präsidenten.‘ Und ich erwidere: ‚Was für eine Ehefrau des Präsidenten, die Ehefrau unseres Präsidenten ist doch Genossin Gottwaldová.‘“

Die grundsätzlichen Ereignisse als Vorboten des Prager Frühlings waren im Jahre 1967 auch die Konferenz des Verbandes Tschechoslowakischer Schriftsteller oder die Studentenprozesse. Die Gesellschaft war nicht zufrieden mit dem aktuellen Zustand im Land. Auch die Situation in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei änderte sich. Im Jänner 1968 löste Alexander Dubček im Funktionsposten den Sekretär der KPČ | Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei Antonín Novotný ab, der seine Demission im März einreicht und von Ludvík Svoboda vertretet wird.

Alexander Dubček 1968 Prager Frühling

Profimedia

Alexander Dubček, 1968

Die Gesellschaft derjenigen, die nicht zu der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei tendierten oder die sich von ihrem Schatten befreien wollten, glaubte den Reformtendenzen der neuen Regierung und setzte ihre Erwartungen in sie. Genauso nahm es Helena Basler wahr, die weiter schildert, wie alles augehen konnte, wäre nicht das Ereignis vom 21. August 1968 gewesen, das eine neue und nicht gerade einfache Ära der Tschechoslowakei einläutete: „Es wäre ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Ich bin davon überzeugt. Vielleicht bin ich naiv. Es ging überhaupt nicht darum, das System zu ändern, die Menschen waren daran schon gewöhnt. Sie gewöhnten sich vieles ab, weil ihre Betriebe und alles schon zwanzig Jahre enteignet wurden. Sie wollten die Besitzstruktur, etwas haben, nicht mehr folgen und so weiter. Es gab eine Hoffnung. Ich weiß nicht, ob das ökonomisch möglich wäre, das weiß ich nicht, aber ich bin der Meinung, dass es ein guter Schritt vorwärts gewesen wäre.“

Die Menschen, die jedoch in der Zeit noch nicht ahnten, dass der Prager Frühling nicht nur der Beginn, sondern auch das Ende des Prozesses zum demokratischen Sozialismus, der Änderungen innerhalb der Kommunistischen Partei herstellen konnte, der auch das Schicksal der Einzelnen in der Gesselschaft treffen würden, war. Dieses Verfahren schürte aber den Verdacht auf eine Kontrarevolution unter den konservativen kommunistischen Kreisen in Moskau, die schließlich, Ende August 1968, Okkupationsarmeen in die Tschechoslowakei aussandten, um diesem Vorhaben Einhalt zu gebieten.

Obgleich es Helena Basler, der heutige Gast in Radio Dráťák, Mitglied des Konsultativen Rats bei der ständigen Senatsmission für aus Tschechien stammende, im Ausland lebende Personen, gelang ins freie Land zu gelangen, kümmerte sie sich von hier sowohl um ihre Familie und Freund/innen, als auch um ganz fremde Menschen, die in der damaligen Tschechoslowakei blieben. Wenn sie die Möglichkeit hatte, half sie mittels Briefen, versandte Bestätigungen, dass sie sich verbürgen und bestimmte Menschen ernähern würde. Es war für sie, wie sie sagt „eine Selbstverständlichkeit“.

Auch wenn sie im neuen Land zuerst keine Lust hatte, sich aktiv an dem Vereinsleben zu beteiligen, Umstände richteten das anders ein und bis heute stellt sie einen untrennbaren Bestandteil des tschechischen Wiens dar.

Helena Basler

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Helena Basler | Vorsitzende des Kulturklubs der Tschechen und Slowaken in Österreich

Helena Basler ist Laureatin des tschechischen Gratias agit Preises aus dem Jahre 2013 für Verbreitung des guten Namens der Tschechischen Republik im Ausland. Auf der Webseite www.kulturklub.at können Sie mehr von geplanten Veranstaltungen des Kulturklubs, aber auch über seine Zeitschrift erfahren, die mehrmals im Jahr erscheint und nicht nur über das tschechische oder slowakische Wien, sondern auch von Geschehen in der Tschechischen Republik und der Slowakei und vielem mehr informiert.

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Das Gespräch mit der Vorsitzenden des Kulturklubs Helena Basler hören Sie in der aktuellen Sendung Dráťák Magazin. Durch die Sendung, die von Pavla Rašnerová gestaltet wurde, begleitet Sie Pavlína Woodhams. Die News wurden von Tereza Chaloupková verarbeitet.

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Kulturklub der Tschechen und Slowaken in Österreich