Jana Starek und das Gefühl der sogenannten neuen Freiheit

Heuer wird unter anderem auch an den 50. Jahrestag des Prager Frühlings gedacht, der seinerzeit den Glauben an Menschlichkeit und Hoffnung sowohl im politischen Leben als auch auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen für viele bedeutete. Der Meinung der Historikerin Jana Starek nach ermöglichten Momente dieser Zeit „vielen Menschen eine ganz neue Denkweise".

On demand | Radio Dráťák | 23.4.2018

„Es wurde vielen Menschen eine ganz neue Denkweise bereitet, vielen wurde klar, dass es das geben könnte, was Václav Havel später als das Leben in der Freiheit bezeichnete“, so die Historikerin Starek.

Radio Dráťák Magazin
23.4.2018 | 21:10 | Radio Burgenland Livestream

Gerade im April 1968 wurde das Aktionsprogramm der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei verabschiedet, eine Bemühung um die Reform des sozialistischen Systems in der ehemaligen Tschechoslowakei. Die sollte nicht nur die ökonomische Sphäre, aber auch die politische und soziale betreffen. Heute kehren wir in diese Zeit nach Prag, in das weltbewegende Jahr 1968 zurück, und zwar mit der geborenen Tschechin, Historikerin, Übersetzerin und Publizistin Jana Starek, die heute im Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien tätig ist.

Jana Starek

orf | pavla rašnerová

Jana Starek | Historikerin, Übersetzerin und Publizistin

Die Historikerin Starek kehrte mit ihren Eltern im September 1967 nach Prag zurück. Früher lebte sie mit ihnen drei Jahre in Wien. Sie war nicht die einzige, die nicht nur politische Änderungen erlebte, die sich im alltäglichen Leben widerspiegelten, aber auch Wandlungen im menschlichen Handeln. Es sah so aus, als ob der Mensch sich wieder natürlich und aufrichtig benehmen konnte, so Starek.

Die damals 14-jährige Jana Starek erspürte das Durchbrechen der Zensur in der Tschechoslowakei am eigenen Leib und so konnte sie auch aus Medien etwa demokratischere Gedanken und Meinungen schöpfen: „Es war für mich eine ganz neue Erfahrung, ganz offene Diskussionen anzuschauen, in denen Vertreter/innen der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, aber auch anderer Organisationen von vielen und vielen Fragen der nicht nur jungen Menschen, sondern der mehr und mehr frustrierten Mitbürger/innen konfrontiert wurden. Sie übrachten eine Bewegung, die sich um eine größere Liberalisierung und Demokratisierung bemühte.“

Socialismus ano okupace ne

orf | pavla rašnerová

„Einige Menschen wunderten sich nach der Revolution, warum wir nur eine einzige Partei haben. Die Erfahrung gab ihnen eine ausreichende Antwort darauf in der Weise, dass viele Parteien zwar ein Teufel sind, eine Parte wäre jedoch ein Satan.“ Zitat des Publizisten Jiří Lederer aus dem Leitartikel der Zeitung „Hlas“, April 1946. Diesen Satan im Sinne von der MassenAll-Volkspartei (masová všelidová strana), umfassend etwa 2 Millionen Mitglieder kurz vor der Novemberwende im Jahre 1989, gelang es schlussendlich zu besiegen.

Auch wenn Schülerinnen und Schüler im Jahre 1968 dazu nicht erzwungen wurden, sich verpflichtet an dem 1.Mai Umzug teilzunehmen, kamen trotzdem manche mit Interesse den Tag der Arbeit anzuschauen, genauso wie im Falle von Jana Starek: „Das war wirklich etwas ganz Neues. Das war eine völlig andere Atmosphäre. Das war weitaus gelassener und vor allem zeigten sich erste Inschriften, die Menschen furchtlos trugen, aber in der ersten Reihe befand sich die ganze Gesellschaft in einer ganz neuen Phase, vebunden selbstverständlich mit Optimismus, dass es gelingt darin fortzusetzen. Retrospektiv gesehen war das wohl eine Illusion, weil die kommunistische Partei weiterhin diktierte, was geschehen kann und was nicht.“

Prager Frühling 1. Mai 1968

čtk

"Sagen Sie uns die Wahrheit, wenn ich groß werde? | der 1.-Mai-Umzug 1968 in Prag am Graben/ Na Příkopě

Der heutige Gast in Radio „Dráťák“ ist Jana Starek, unter anderem Mitgründerin der Internationalen Helsinki-Föderation für Menschenrechte. Auf Einladung vom Bregenz Festival – Forum Alpbach gerät sie mit ihren Eltern im August 1968 nach Österreich. Ihr Vater, Publizist und Übersetzer, trägt in Alpbach vor. Früh am Morgen, am 21. August, weckt eine aufgeregte Empfangsdame sie mit der Nachricht über die Invasion der Armeen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei auf. Sie ziehen deswegen nachfolgend nach Wien, später nach Italien und schließlich kehrt Jana Starek nach Wien zurück, um hier zu studieren, teilweise dank dessen beginnt sie die hiesige tschechische Volksgruppe kennenzulernen.

Nach Jana Starek brachte der Wiedergeburtsprozess, der Prager Frühling, sehr wichtige Elemente zur möglichen Lockerung aus den Krallen der kommunistischen Totalität mit sich, aber er wurde wegen der geopolitischen Situation sowohl in Europa, als auch in der Welt zum Verderben verurteilt: „Früher oder später würde der Teil der Benennung, ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz‘ stürzen, weil der menschliche Antlitz nicht unbedingt den Sozialismus der Sechziger Jahre braucht. Jedoch war das damals noch vorzeitig, damit die Bevölkerungsmehrheit dies versteht. Jedenfalls war das ihrer Meinung nach eines der Signale für andere Länder, dass die tschechoslowakische Gesellschaft nicht ganz blind ist und dass sie sich engagieren will.“

Jana Starek

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Jana Starek

Der Gast der kommenden Sendung ist Helena Basler, die Vorsitzende des Kulturklubs der Tschechen und Slowaken in Österreich, mit dem wir in unserer Thema Reihe „Der Prager Frühling 1968“ fortsetzen werden.

Das Gespräch mit der Historikerin Jana Starek hören Sie im Magazin Dráťák. Durch die Sendung, die von Pavla Rašnerová gestaltet wurde, begleitet Sie Pavlína Woodhams. Die News wurden von Tereza Chaloupková verarbeitet.